Joachim Król liest aus Camus’ Autobiographie

Bildung als Entdeckungsreise

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Kräftiger Einsatz von Stimme und Armen: Joachim Król liest in der Glocke aus „Der erste Mensch“ von Camus.

Bremen - Von Martin Kowalewski. Die Musiker des „L’orchestre du soleil“ gießen Elemente der arabischen Rai und der französischen Musette in ein märchenhaft klingendes Gewand, ein Sinnbild für die Kindheit des Literaturnobelpreisträgers Albert Camus.

Fast vergisst man, dass die Musiker auch eine Welt der bitteren Armut vor Ohren führen. Etwa 900 Besucher erleben am Mittwochabend in der Glocke mit, wie Joachim Król, begleitet vom „L‘  orchestre du soleil“, Ausschnitte aus Camus’ autobiographischem Roman „Der erste Mensch“ liest. Die Veranstaltung kommt beim Publikum gut an.

Das erst 1994 veröffentlichte Werk über die Kindheit des bekannten Literaten und Philosophen ist unvollendet, als Camus am 4. Januar 1960 durch einen Autounfall stirbt. Die Erfahrungen des Autors werden von einem Jungen namens „Jacques“ durchlebt.

Ein farbenfrohes Panorama malen die Musiker, als Jacques mit seinem Onkel und weiteren Männern sowie Hunden auf die Jagd geht. Król zeichnet mit seinen Armen eine immense landschaftliche Weite. Und liest: „Für mich begann ein Rausch, den ich mit Wehmut erinnere.“ Der junge Jacques hört die Schüsse und sieht die Hunde zurückkehren, „die Augen voller Irrsinn“. Danach folgt Lagerfeuerromantik. „Ich fühlte mich wie das reichste aller Kinder“, lässt Król mit Freude und Zufriedenheit in der Stimme den kleinen Jacques schwärmen. Der kräftige Einsatz der Arme und die Impulsivität der Stimme bilden einen Gegenpart zur ruhigen und sphärischen Musik.

Im Armenviertel aufgewachsen

Ohne Vater, mit einer Analphabetin als Mutter und unter dem Kommando einer dominanten Großmutter wächst Camus im Armenviertel des französisch besetzen Algier auf. In der Volksschule eröffnet Lehrer Louis Germain dem Jungen eine ganz andere Welt: den Hunger nach Entdeckung. „Dieser ist für das Kind wichtiger als für den Mann“, liest Król und fährt mit gesteigertem Pathos fort, „bei Monsieur Germain spürten wir, dass wir existierten.“ Germain erkennt das Talent des Jungen und überredet dessen Familie, ihn für eine höhere Schulbildung aufs „Lycée“ zu schicken. Der Schulwechsel tut auch weh: „Ein grenzenloser Kinderschmerz zerriss mein Herz.“ Es geht in eine andere Welt. „Ich werde mich jetzt auf eigene Kosten erziehen müssen. Ich werde ein Mann werden müssen.“

Doch entdeckt Jacques in seiner Herkunft aus der Armut auch einen existenziellen Vorteil. Die Durchschnittsfamilie, wie die seines Mitschülers Didier, hat einen Dachboden mit Fotos. Er kennt seine Familiengeschichte, ist gebunden ans Vaterland. Jacques lebt in der fotolosen Welt der Armen. Król liest – keineswegs kleinlaut, sondern mit Begeisterung, die dann noch zunimmt. „Wir waren unfähig, uns zukünftiges Leben vorzustellen, weil das gegenwärtige so unerschöpflich war. Wir freuten uns, wenn die Straßenbahn einen Pferdewagen überholte oder ein Wettrennen mit einem kurzatmigen Auto machte.“

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