CDU und Handelskammer befürchten weitere Abwanderung ins Umland

Bremen holt die Sonne aufs Dach

Bremen holt die Sonne aufs Dach – oder genauer: Künftig müssen Häuslebauer in Bremen auf ihren Neubau eine Photovoltaikanlage (Foto) setzen. Das hat die Bürgerschaft auf Initiative der Grünen beschlossen. 
Foto: DPA/SEIDEL
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Bremen holt die Sonne aufs Dach – oder genauer: Künftig müssen Häuslebauer in Bremen auf ihren Neubau eine Photovoltaikanlage (Foto) setzen. Das hat die Bürgerschaft auf Initiative der Grünen beschlossen. Foto: DPA/SEIDEL
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    vonElisabeth Gnuschke
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Bremen – Neubauten sollen künftig zwingend mit Solardächern versehen werden. Das hat die Bürgerschaft am Mittwoch mit den Stimmen der rot-grün-roten Koalition beschlossen. Und Bestandsgebäuden steigt die Regierung ebenfalls aufs Dach: Auch für sie sollen Photovoltaikanlagen Pflicht werden, wenn das Dach komplett erneuert wird. Allerdings macht Rot-Grün-Rot eine Einschränkung: Die Anlage muss „wirtschaftlich zumutbar“ sein. Das lässt Hausbesitzern zumindest einen kleinen Spielraum.

Die Grünen jubelten über die von ihnen eingebrachte Initiative: „Bremen und Bremerhaven werden zu Solar Cities.“ Um die Solardachpflicht sozial verträglich zu gestalten, ist eine Förderung durch die Bremer Aufbaubank (BAB) vorgesehen.

Solar an Fassaden

Neben Solar auf Gebäuden will Bremen die Sonne zudem auch auf die Überdachung von Parkplätzen, an Fassaden und Freiflächen holen, heißt es im Beschluss der Bürgerschaft. Die Bremer Grünen sprechen von einem „großen Schritt für die Solarenergie und den Klimaschutz im Land Bremen“. Philipp Bruck, klima- und energiepolitischer Sprecher der Grünen, sagte: „Solarenergie wird in Bremen und Bremerhaven mit diesem Beschluss künftig zum Standard. Das ist ein Erfolg für die Energiewende.“

Die Bedingungen seien gut, so Bruck. Die Preise für Photovoltaikanlagen seien erheblich gesunken. Wer viel von der selbstgewonnenen Solarenergie für die Strom- und Wärmeerzeugung nutze, habe die Kosten schnell wieder raus und werde unabhängiger von der Strompreisentwicklung.

Hohes Potenzial

Das Potenzial von Sonnenenergie im Land Bremen sei hoch, so der Grüne. Bisher seien hier 44 Megawatt Photovoltaikleistung installiert, möglich wären gut 1 000 Megawatt. Bruck: „Damit könnten mehr als 40 Prozent des Bremer Stromverbrauchs gedeckt werden, wenn man die Stahlwerke außen vor lässt.“

Die CDU sieht den Zwang zum Solardach kritisch. Sie befürchtet durch die zahlreichen Auflagen beim Hausbau eine weitere Abwanderung ins Umland. Das sieht die Handelskammer in einer Reaktion ähnlich. Sie hält zwar grundsätzlich Solardächer auf Bremer Gebäuden für wünschenswert, macht sich jedoch Sorgen um den Wohnungsbau. „Photovoltaik in einem weiteren Bremer Sonderweg generell bei Neubauten zur Pflicht zu machen, stellt einen baupolitischen Irrweg dar, der deutlich mehr schadet als nützt“, heißt es in der Stellungnahme.

Von Zielmarke entfernt

Zunächst einmal müsse man Wohnraumversorgung für alle Bevölkerungsschichten in den Mittelpunkt stellen, Wohnneubau zu vertretbaren Preisen ermöglichen und das Abwandern Bremer Familien in das Umland stoppen. Im Jahr 2019 seien lediglich rund 1 500 Neubauwohnungen fertiggestellt und Bauanträge für 1 265 neue Wohnungen genehmigt worden. Die Kammer: „Dies ist weit von den Zielmarken des Senats entfernt.“ Die Handelskammer selbst hält 2 500 Neubauwohnungen jährlich für erforderlich.

Sie beklagt, dass Bauen in Bremen „immer teurer und komplizierter“ werde. Die Vielzahl „kostentreibender Bremer Sondervorschriften für Dämmung, Schallschutz, Gründächer, Spielflächen oder Stellplätze“ sorge nicht nur für lange Genehmigungsverfahren, sondern im Vergleich zum niedersächsischen Umland auch für 15 bis 25 Prozent höhere Preise für Wohnungseigentum. Das habe dramatische Folgen – die Stadt Bremen habe in den vergangenen zehn Jahren netto rund 14 500 Einwohner ans Umland verloren, heißt es weiter.

Familien verlassen Bremen

Besonders Berufstätige im Alter von 25 bis 65 Jahren ziehe es mit ihren Familien in die Gemeinden vor den Toren Bremens. Der Wanderungsverlust ans Umland habe sich verstärkt und liege inzwischen bei rund 2 500 Menschen jährlich. Die steigende Tendenz sei besorgniserregend, so die Kammer, da sich gerade der Fortzug der sozialen Mittelschicht negativ auf die Sozialstruktur Bremens auswirke.

Zudem entgingen dem Bremer Haushalt durch die Abwanderung ins Umland schon jetzt jährlich fast 100 Millionen Euro an Steuern. „Bei anhaltendem Trend wird sich dieser negative Effekt bis zum Jahr 2024 voraussichtlich verdoppeln“, befürchtet die Handelskammer.

Die Handwerkskammer Bremen hingegen begrüßt die Entscheidung des Parlaments. „Um die Klimaziele zu erreichen, sind Solardächer aus Sicht des Handwerks auf Bremer Wohngebäuden grundsätzlich sinnvoll und wünschenswert“, sagte in einer Reaktion Hauptgeschäftsführer Andreas Meyer. Das Handwerk pocht jedoch auf Anreize und finanzielle Unterstützung für Häuslebauer.

Von Elisabeth Gnuschke

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