Landgericht Bremen: Räuber überfallen und entkleiden 93-Jährige in ihrer Wohnung

Gefesselt am Weihnachtstag

Ihm drohen mehrere Jahre Haft: Der Angeklagte (Mitte) soll zusammen mit einem Komplizen eine 93 Jahre alte Frau überfallen und ausgeraubt haben. Ob es zum „Deal“ kommt, müsse er nun mit seinem Verteidiger Philip Martell (r.) besprechen.
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Ihm drohen mehrere Jahre Haft: Der Angeklagte (Mitte) soll zusammen mit einem Komplizen eine 93 Jahre alte Frau überfallen und ausgeraubt haben. Ob es zum „Deal“ kommt, müsse er nun mit seinem Verteidiger Philip Martell (r.) besprechen.

Weihnachten 2020 ist eine 93 Jahre alte Bremerin in ihrer Wohnung brutal überfallen worden. Nun muss sich dafür ein mutmaßlicher Täter vor Gericht verantworten.

Bremen – Diese Frau hat einiges mitgemacht. 1928 geboren, überlebte die heute 93-Jährige das Regime der Nationalsozialisten, den Zweiten Weltkrieg, ertrug Hunger und Not, überstand ein geteiltes Deutschland, erlebte die Zeit der Wiedervereinigung und die Jahrtausendwende. Doch das sollte nicht alles sein: Am zweiten Weihnachtstag 2020 überfielen zwei Männer die Seniorin in ihrer eigenen Wohnung, fesselten und raubten sie aus. Seit Montag steht einer der mutmaßlichen Täter vor dem Landgericht Bremen.

Überfall auf Seniorin in Bremen: „Schonungslos brutal“

Schüchtern blickt der 33 Jahre alte Mann zu Boden, sein Blick huscht hin und wieder fast ängstlich durch den Verhandlungssaals 249. Er weint, schüttelt den Kopf. So zurückhaltend sich der Mann mit algerischer Staatsangehörigkeit zu Prozessauftakt gibt, so schonungslos brutal soll er am 26. Dezember vergangenen Jahres gegen die 93-jährige Frau vorgegangen sein. Als Paketboten verkleidet, so der Vorwurf der Anklage, sollen der Mann sowie ein weiterer Mittäter – gegen den gesondert vor einer Jugendkammer verhandelt wird – an der Wohnungstür der Frau geklingelt und vorgegeben haben, ein Paket zustellen zu wollen. Doch die beiden Männer hatten, so die Vorwürfe, etwas anderes im Sinn, als weihnachtliche Post zu überbringen: Unmittelbar, nachdem die Frau die Tür geöffnet hatte, stießen die Männer die Seniorin zu Boden, zogen ihr Schuhe, Hose und Unterhose aus und fesselten die 93-Jährige.

Mit Klebeband sollen die Täter mehrfach den Kopf der alten Frau umwickelt, mit Geschenkband ihre Hände gefesselt und sie dann auf ein Bett im Obergeschoss geworfen haben. Die Fesseln seien laut Anklage so fest gezogen worden, dass die Hände der Frau blau anliefen und ihre Zahnprothese verrutschte. Zur Todesangst kamen Atemprobleme. Auf der Suche nach Wertgegenständen durchsuchten die Räuber die Wohnung und fanden unter anderem Bargeld in Höhe von 50 Euro, hochwertige Teller und Löffel, acht Ketten, zwei Brillantringe und eine Geflügelschere. Zudem ließen die Täter wohl ihren Schlüsselbund mitgehen. Gesamtwert der Beute: knapp 9 500 Euro. Ohne sich um die Frau zu kümmern, flohen die brutalen Männer. Der 33-Jährige wurde zwei Wochen später, am 8. Januar 2021, als Verdächtiger festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Die Vorwürfe im Verfahren: unter anderem gefährliche Körperverletzung und schwerer Raub.

Prozess um Überfall auf 93-Jährige: Kommt es zum „Deal“?

Viel sagt der Angeklagte zu Prozessauftakt nicht. Über einen Dolmetscher erfährt die Kammer, dass der Mann in Algerien geboren wurde, ledig ist und bislang keinen Beruf erlernte. Dafür sprechen die Verfahrensbeteiligten wenig später angeregt hinter verschlossenen Türen – eine Verständigung („Deal“) steht im Raum. Räumt der Mann die Tat ein, könne er mit einer Freiheitsstrafe von viereinhalb bis fünf Jahren rechnen, so die Vorsitzende Richterin. „Voraussetzung ist jedoch, dass der Angeklagte sich belastbar geständig einlässt.“ Nur dann könne er mit diesem Strafrahmen planen. In trockenen Tüchern ist der „Deal“ jedoch noch nicht, die Verteidigung erbittet bis zur Fortsetzung am Mittwoch, 7. Juli, Bedenkzeit.

Bis heute, so heißt es, leidet die 93-Jährige unter den Folgen der Tat, insbesondere durch Flashbacks, offenbar ausgelöst durch das traumatische Erleben. Kurz nach dem Überfall musste die Seniorin ins Krankenhaus, plötzlich auftretendes Herzrasen verschlechterte ihren Zustand akut. Wie es ihr heute geht, ist bislang unklar. Doch sollten sich die Verfahrensbeteiligten auf den „Deal“ einlassen, etwas Gutes hätte es für die Frau: Ihre Aussage vor Gericht würde ihr erspart bleiben.

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