Umstürzende Ereignisse

Focke-Museum zeigt neue Ausstellung „Experiment Moderne. Bremen nach 1918“

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Der „Goliath Pionier“ ist ein Blickfang im Foyer. Mit ihm startet die Ausstellung „Experiment Moderne“. 

Bremen - Von Jörg Esser. Der Kaiser wird gestürzt. Am Rathaus hissen Revolutionäre die rote Fahne. Die Stadt Bremen wird im November 1918 zum Schauplatz umstürzender Ereignisse. Mit der Sonderausstellung „Experiment Moderne. Bremen nach 1918“ macht das Focke-Museum vom 14. Oktober bis zum 2. Juni 2019 eine „bewegte und bewegende Zeit bremischer Geschichte sinnlich erfahrbar“, sagt Museumsdirektorin Dr. Frauke von der Haar.

Die neue Epochenausstellung schlägt laut von der Haar einen Bogen von der Novemberrevolution 1918 bis zur Machtergreifung der Nazis im Januar 1933 und zieht sich durch das ganze Museum – wie ein blaues Band. „Blau ist offen“, sagt Dr. Jan Werquet, Stadthistoriker des Focke-Museums und einer der Kuratoren der Ausstellung. Die Farbe sei unbelastet. Und blau fällt auf.

Bereits im Foyer werden die Besucher auf die neue Schau eingestimmt. Ein „Goliath Pionier“ fungiert als Türöffner für den Trip in eine prägende Umbruchzeit. Der Kleinwagen wurde 1929 für eine wenig betuchte Käuferschicht in den Hansa-Lloyd- und Goliath-Werken Borgward & Tecklenborg in Bremen produziert.

Ein Bremer Geldwagen, mit dem Unmengen an Geldscheinen transportiert wurden, symbolisiert die Inflation 1923. 

Der Weg in die Ausstellungsräume führt durchs Schaumagazin. „Wir experimentieren mit einer neuen Zuwegung“, sagt Werquet. Modelle von Kriegsschiffen und Handels-U-Booten symbolisieren als „Prolog zur Ausstellung“ die Endphase des erschöpfenden und brutalen Krieges ebenso wie zahllose Todesanzeigen mit eisernen Kreuzen. „Rund 11 000 Bremer Soldaten sind von 1914 bis 1918 gefallen“, wirft Werquet ein.

Und dann landet der geneigte Besucher im ersten Ausstellungsteil, der sich unter dem Titel „Revolution und Gegenrevolution“ den Jahren 1918 bis 1923 widmet. Imposante Großaufnahmen und markante Exponate geben einen Eindruck über die Geschehnisse vom Beginn der Revolution und dem Sturz der alten Ordnung über die blutige Niederschlagung der kurzlebigen Bremer Räterepublik mit 83 Toten bis zur Inflation von 1923 mit Notgeld, Bremer Dollars und einer vollkommenen Geldentwertung. Ein Bremer Geldwagen, ein Karren für den Transport von Banknoten, symbolisiert den Verfall der Mark.

Die Jahre 1924 bis 1930 gelten als „Goldene Zwanziger“ und als Zeiten des wilden Lebens. Motorräder zählten zu den Luxusobjekten der damaligen Spaßgeneration. 

Zu den weiteren Ausstellungsstücken zählt die großformatige Bekanntmachung des Rats der Volkskommissare, in der es martialisch unter anderem heißt: „Jeder gegenrevolutionäre Versuch wird als Hochverrat mit sofortigem Erschießen geahndet.“ Werquet: „Wir wollen auch die Härte und Brutalität der Zeit zeigen.“ Ein paar Schritte weiter wird das Leben leichter. Der Ausstellungsteil „Glanz und Elend der Goldenen Zwanziger Jahre (1924 bis 1930) dokumentiert herausragende Einzelaspekte der Stadtgeschichte aus Architektur, Kunst und Unterhaltungskultur (unter anderem das „Gesamtkunstwerk Böttcherstraße“) sowie wirtschaftliche Niederlagen der Zeit wie den Konkurs des Nordwolle-Konzerns. Zehn Einzelbiographien zeigen Lebenswelten der Epoche.

Der dritte Bereich „Krise der Moderne“ (1930 bis 1933) skizziert den Niedergang des an Liberalismus geknüpften Moderne-Begriffs mit dem Aufkommen und der Machtübernahme des Nationalsozialismus, den „Abgesang auf das erste demokratische Experiment in Deutschland“, sagt Werquet.

Und im Raum „Zeit der Erinnerung“ werde schließlich am Beispiel von vier Bremer Denkmälern aufgezeigt, wie Geschichte interpretiert und instrumentalisiert wurde und wird“, sagt von der Haar.

Infokasten

Umfangreiches Begleitprogramm

Die Sonderausstellung „Experiment Moderne. Bremen nach 1918“ wird am Sonntag, 14. Oktober, um 11.30 Uhr offiziell eröffnet. Die Schau läuft bis zum 2. Juni 2019. Das Museum hat dienstags von 10 bis 21 Uhr und mittwochs bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Erwachsene acht Euro. Ergänzend zur Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm mit rund 60 Veranstaltungen, darunter satirische Führungen und szenische Lesungen. Für Familien mit Kindern bietet das Museum ein Mitmachheft an (Preis: ein Euro). Auch ein 201 Seiten starker Ausstellungskatalog liegt druckfrisch vor. Er ist im Schünemann-Verlag erschienen und für 19,90 Euro im Museumsshop und im Bremer Buchhandel erhältlich.

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