Orchester der Synchronizität

In Ekstase: Japanisches Trommel-Ensemble „Kokubu“ in der Glocke

Konzentriert, kraftvoll, perfekt in der Koordination – so präsentierten sich die Mitglieder des 16-köpfigen Ensembles von „Kokubu“. Foto: KOLLER

Bremen - Von Steffen Koller. Selten hat das Bremer Konzerthaus Glocke einen so lauten Auftritt erlebt. Denn das, was das japanische Trommel-Ensemble „Kokubu“ am Donnerstagabend abliefert, ist rein Dezibel-technisch eine wahre Ohrenweide. Zwei Stunden Show, vollgepackt mit ekstatischen Trommelstürmen, die in einer 30-minütigen Zugabe gipfeln, hinterlassen nicht nur bei den Ohren der Besucher bleibenden Eindruck.

Ganz sanft beginnt der Abend. Leicht wie der Schlag einer Libelle hallen die Töne der traditionellen Holzflöte durch den Großen Saal der Glocke. Anmutig betritt der Leiter der Formation, Chiaki Toyama, die in lilafarbenes Licht getauchte Bühne. Es ist der Start einer Show, die nicht nur im Trommelfell der Besucher nachhaltig Eindruck hinterlässt. Es ist vor allem eine Darbietung, die durch ihre Authentizität besticht. Eine Show, die nachdenklich macht und gleichzeitig einfach Spaß. Eine Show, die den Alltag vergessen lässt und jeden womöglich vorher vorhandenen Zweifel in Windeseile beiseiteschiebt.

Denn kurz nachdem Chiaki Toyama sein kurzes Vorspiel beendet hat, prasselt ein wahrer Trommelsturm auf die Zuschauer ein. Das 16-köpfige Ensemble schlägt mal behutsam, mal voll brachialer Gewalt auf die unterschiedlichen Trommeln ein. Es entsteht ein Klangteppich, der für den gemeinen Westeuropäer eher ungewöhnlich erscheinen mag, doch einfach faszinierend ist. Während „Kokubu“ sich nach und nach in eine wahre Ekstase spielt, zeigen die Besucher ihre Bewunderung mit offenen Mündern. Ab und an ist ein „Wow“ zu vernehmen, auch ein „Wunderbar“, oder „Einfach toll“ hört man aus den Zuschauerreihen. Wenn man es denn hört. Denn die Lautstärke der Trommel-Combo übertrifft wohl alle je im Konzerthaus vorgetragenen Shows. So laut, dass Plätze in der ersten Reihe an diesem Abend leerbleiben – zum „Schutz vor Hörschäden“ ist am Einlass zu hören. Doch das soll dem Abend keinen Abbruch tun.

Chiaki Toyama, Leiter der Formation, gab dem Abend in Bremen eine sinnliche Note. Foto: KOLLER

Es ist diese Mischung aus Koordination, Kraft und Konzentration, die „Kokubu“ so einzigartig macht. Jeder Schlag sitzt, jede Bewegung ist genauso gewollt. Allein die etwa 70 Kilo schwere Trommel „Taiko“ erzeugt Klänge, bei der jeder Technofestival-Organisator neidisch werden würde. Der Bass durchdringt auch die letzten Winkel des Hauses. Bis in den Keller sind die Vibrationen zu spüren.

Und es ist die Mischung aus Faszination, Ungläubigkeit und Zufriedenheit, die den Besucher befällt. Es macht schlichtweg Spaß, „Kokubu“ zuzusehen, die Energie zu spüren und die Lebensfreude, die jeder Einzelne auf die Bühne transportiert. Chorale Gesänge wechseln sich ab mit Kurzgeschichten über die japanischen Sitten und Bräuche, hinzukommt wahrer Leistungssport, den die Trommler vollführen. Ein Orchester der Synchronizität!

In einem Einspieler heißt es: „Unsere Musik ist geleitet von der reinen Freude.“ Und genau das spürt auch das Publikum – und honoriert die 30-minütige Zugabe mit stehenden Ovationen. Man darf hoffen, dass „Kokubu“ bald wieder nach Bremen kommt. Sollten Sie dann dabei sein, nehmen Sie sich Ohrenstöpsel mit – es ist nur ein nettgemeinter Rat.

Trommel-Ensemble „Kokubu“ in der Glocke

 © Steffen Koller
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