Prozess um versuchten Totschlag

Angeklagter gibt Schuss zu und gewährt Einblicke in Familienfehde

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Geschossen habe er, töten wollte er nicht: der 23-jährige Angeklagte (links) und sein Anwalt Jürgen Meyer.

Bremen - Von Steffen Koller. Provokationen, Hass und Suizidgedanken: Im Prozess gegen einen 23-Jährigen, dem die Staatsanwaltschaft versuchten Totschlag vorwirft, hat der Angeklagte am Donnerstag eine Erklärung vor dem Landgericht Bremen verlesen lassen. In ihr gab der junge Mann zu, im August 2017 bei einer Massenschlägerei in Bremerhaven eine Schusswaffe benutzt zu haben. Die Erklärung liefert zudem tiefe Einblicke, wie die vermeintlich verfeindeten Familien organisiert sind und wie mit Konflikten umgegangen wird. Die Zuhörer im Gerichtssaal bekamen den Eindruck, als regiere das Faustrecht.

Alles begann in der Nacht zum 20. August 2017. In einer Bremerhavener Diskothek geraten der 23-jährige Kurde und zwei mutmaßlich türkische Männer aneinander. Sie beleidigen sich, später fliegen die Fäuste. Dabei, so liest es sich in der Erklärung, hätten der Angeklagte und seine Freunde „mehr ausgeteilt als eingesteckt, das will ich unumwunden zugeben“. Während das Sicherheitspersonal die Männer der Disco verweist, wartet der Angeklagte im Foyer, heißt es weiter in der Erklärung, die er über seinen Anwalt verlesen ließ. 

Bereits kurz nach der Schlägerei habe er Drohnachrichten bekommen. Er solle sagen, wo er sich aufhalte, hätten die Verfasser der Textnachrichten gefordert. Würde er nicht antworten, bekäme er Besuch zu Hause. Geschrieben worden seien die Nachrichten von Mitgliedern der Familie Ö. Es ist mutmaßlich die Familie, mit der der schwelende Konflikt nur drei Tage später auf offener Straße ausgetragen wird. 

„Ernsthaft um Leib und Leben gefürchtet“

Bereits am nächsten Morgen sollten „Friedensgespräche“ mit den Ältesten der jeweiligen Familien stattfinden. Doch dazu kommt es nicht. Es hagelt weiter Drohnachrichten, Angehörige der Familie Ö. seien bereits aus mehreren deutschen Städten auf dem Weg nach Bremerhaven, um „die Sache zu klären“. Zu diesem Zeitpunkt habe er „ernsthaft um Leib und Leben gefürchtet“, so eine Passage aus der Erklärung des Angeklagten.

Noch am selben Tag sei die Lage „zum Zerreißen angespannt“ gewesen. Der 23-Jährige entschließt sich, am Abend eine Waffe zu besorgen, einige Momente denkt er darüber nach, sich selbst das Leben zu nehmen, ließ er verlesen. Stunden zuvor sei er noch von einem Auto von der Straße gedrängt und mit einer Waffe bedroht worden. Auch diesen Angriff will der Angeklagte der Familie Ö. zuordnen. Er geht zur Polizei, erstattet Anzeige. Zwei weitere Tage habe er sich mit Tabletten „auf Spur“ gebracht, dann kommt der 23. August, als die Situation völlig eskaliert.

Massenschlägerei in der Bremerhavener Innenstadt

Mitten in der Bremerhavener Innenstadt gehen am Nachmittag mehrere Dutzend Personen aufeinander los, mit Eisenstangen und anderen Gegenständen schlagen sie aufeinander ein. Ein Amateurfilmer hält die brutalen Szenen fest, stellt das Video später ins Netz. Dabei, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, habe der Angeklagte in Tötungsabsicht mindestens einen Schuss abgegeben, der letztlich einen Mann am Bein streifte. Den Schuss stellt der 23-Jährige nicht in Abrede, töten wollte er „ganz sicher niemanden“, hieß in der zwölfseitigen Erklärung. Vieles sei in dieser Situation „verschwommen“ gewesen, sagte der Mann am Donnerstag vor Gericht. In erster Linie habe er Angst um seinen Vater gehabt, der ebenfalls vor Ort gewesen sein soll.

Es ging womöglich auch um Rache. Kurz vor der Massenschlägerei habe man ihm berichtet, dass Angehörige der Familie Ö. zwei seiner Schwestern geschlagen hätten. Da sei er „beinahe wie ferngesteuert“ zum späteren Tatort hin. Dort habe sich die Anspannung „explosionsartig entladen“.

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