Seelische Streicheleinheiten und brutale Ödnis

Abwechslungsreiche „Breminale“: Michael Schulte als Barde in Shorts

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Michael Schulte, ein Barde in Shorts. 

Bremen - Von Martin Kowalewski. Hitze am Donnerstagabend im „Radio-Bremen-Vier-Zelt“: 36 bis 37 Grad. Das Moderatorenteam der Morgenshow „Vier beginnt“, Roland Kanwicher und Olaf Rathje, löst den „Eisalarm“ aus. Beide werfen Eis am Stiel ins Publikum. Dort wedeln sich viele Gäste Luft mit Hilfe von Papierfächern oder auch unbenutzten Bratwurstpappen zu. Die Hitze ist vergessen, als Michael Schulte auftritt, der Mann, der für Deutschland beim „Eurovision Song Contest“ (ESC) in Lissabon in diesem Jahr den vierten Platz 4 holte.

Schulte kommt allein auf die Bühne. Er hat nur seine Akustik-Gitarre dabei. Er trägt Turnschuhe, ein dünnes Hemd und Shorts. „Ich hatte mir geschworen, ich werde nie in Shorts auf die Bühne gehen“, sagt er später am Abend. Mit „The maze“ eröffnet er das Programm. Die Stimmung springt trotz der Hitze im Zelt über. „Habt Ihr noch Kraft? Ich hab’ nämlich keine mehr“, sagt er, nachdem der Applaus abgeklungen ist.

Glücklicherweise ein Irrtum. „The night is young“ erklingt kraftvoll. Schulte bewegt sich etwas hinter seinem Mikro. Er präsentiert einen enormen Stimmumfang. Dann dürfen die Leute ran und auch mitsingen. Die vorgegebenen Tonhöhen scheinen für einige Männer nicht ganz einfach zu sein. „Ich hör‘ schon von der Seite, ich kann‘ nicht so hoch singen wie der“, sagt Schulte. Er bietet den Männern die Tonfolge in einer tieferen Lage an.

Mit wunderbar perlenden Akkorden beginnt die Ballade „Collide“. Schulte hält den Blickkontakt zu den Fans. Natürlich ist auch der ESC ein Thema des Abends. Dabei gibt Schulte dem Song einer Vorgängerin den Vortritt und covert „Satellite“ von Lena, den Siegertitel beim ESC in Oslo 2010. Die Akustik-Version klingt ungewohnt, aber interessant und lässt nichts vermissen.

Bevor er seinen eigenen ESC-Song „You let me walk alone“ anstimmt, erzählt Schulte, dass er vor einem Monat geheiratet hat und in einem Monat Vater wird. Auch in der abgespeckten Version beeindruckt der Song. Schulte spielt und singt ihn ruhig, ohne übertriebene Affekte und Bewegungen. Anita Reynecke-Meyn (48) aus Ganderkesee ist begeistert. „Alles war grandios. Ein Mann, eine Gitarre und einfach coole Musik“, sagt sie.

Auch am späten Abend ist es bei hohen Temperaturen noch voll am Deich. Im Zelt „Flut“ machen die Jungs von „Die Nerven“ aus Stuttgart ihren Soundcheck. Die Musiker, platziert in der Konzertstunde vor Mitternacht, wirken ganz munter. Überraschend, denn „Die Zeit“ beschreibt die Drei-Mann-Gruppe als „die am miesesten gelaunte Band, die dieses Land momentan zu bieten hat“.

Max Rieger von „Die Nerven“.

Trotz vermeintlich mieser Laune macht die Band ein anspruchsvolles Programm. Sänger und Gitarrist Max Rieger versteht sich auf schnelle Soli und kann seinem Gesang auch mit einem breiten Reservoir irritierter bis manischer Gesichtsausdrücke Nachdruck verleihen. Dagegen wirkt der Bassist und Sänger Julian Knoth gesetzter, auch wenn die von ihm gesungenen Texte ebenfalls kein Ausdruck von Optimismus sind. Er entlockt seinem Bass schnelle und anspruchsvolle Läufe. Schlagzeuger Kevin Kuhn ist ein Mann mit einem Händchen für die Grenzen der Dynamik und durchaus filigraner Tempo-Arbeit. Das Ergebnis schwankt zwischen Punk, Wave und psychodelischer Ekstase oder auch einfach Flucht aus der Depression.

Der erste Song des Abends „Neue Wellen“ ist ein Stimmungsausblick wie in eine reizüberflutende, aber triste Einöde: „Immer wieder viel zu viel neue Weichen, selbes Spiel. Immer wieder viel zu viel neue Leichen, selbes Spiel.“ Das junge bis mittelalte Publikum im vollen Zelt mag das. Für die Gäste ist es ein belebender Abschluss eines „Breminale“-Tages.

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