Arbeitnehmerkammer-Lagebericht: Unsichere Stellen trotz des Wachstums

Der Boom des Prekären

Die Bremer Arbeitnehmerkammer kritisiert, dass Windenergiefirmen „kaum in Ausbildung investieren“ und oft auf Leiharbeit setzen. Unser Bild zeigt Elemente eines Offshore-Windparks in Bremerhaven. ·
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Die Bremer Arbeitnehmerkammer kritisiert, dass Windenergiefirmen „kaum in Ausbildung investieren“ und oft auf Leiharbeit setzen. Unser Bild zeigt Elemente eines Offshore-Windparks in Bremerhaven. ·

Bremen - Von Thomas KuzajMit der Wirtschaft geht es aufwärts. Auf dem Arbeitsmarkt auch? Nur scheinbar, meint die Arbeitnehmerkammer. „Prekäre Beschäftigungsformen boomen“, sagte gestern Kammerpräsident Peter Kruse. „Ein Konjunkturhoch ist kein Garant mehr für gute Arbeitsplätze.“

„Die Zahl der Arbeitsplätze steigt, doch die Qualität der Arbeitsplätze sinkt.“ So formulierte es Hauptgeschäftsführer Ingo Schierenbeck. Die Kammer stellte gestern ihren „Bericht zur Lage der Arbeitnehmer“ (143 Seiten) vor. Darin heißt es, wie andernorts auch, dass Bremens Wirtschaft im vergangenen Jahr „deutlich an Dynamik“ gewonnen hat: „Mit einem realen Zuwachs von 4,1 Prozent lag sie im ersten Halbjahr sogar über dem Bundesdurchschnitt.“

Es geht aufwärts. „Auch auf dem Arbeitsmarkt hat sich die gute konjunkturelle Entwicklung bemerkbar gemacht“, sagte Kruse. So entstanden im Land Bremen zwischen Juni 2010 und Juni 2011 insgesamt 6 509 neue Arbeitsplätze – ein Plus von 2,3 Prozent.

Es geht aufwärts? Schon – aber nicht für alle, so die Kammer. Es gelte, die Entwicklung der Beschäftigungsverhältnisse ganz genau zu betrachten. Dieser Blick zeige, so hieß es gestern, dass „vor allem die sogenannten prekären Arbeitsverhältnisse deutlich zunehmen“. Denn: „Während es im Land Bremen immer weniger Vollzeitarbeitsplätze gibt, steigt auf der anderen Seite die Zahl an Minijobbern, Leiharbeitern, Teilzeitarbeitern und befristet Beschäftigten.“

Laut Bericht lag die Zahl der Beschäftigten in Bremen im Jahr 2000 bei 283 576 und im Jahr 2011 bei 291 062. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der Leiharbeitsstellen von 4 974 auf 12 167. Schierenbeck: „Wenn die Leiharbeit nicht wäre, hätte sich trotz guter Konjunktur die Zahl der Arbeitsplätze nicht wesentlich verändert. Zum Teil verdrängen atypische Arbeitsverhältnisse normale Arbeitsverhältnisse.“ Bei der Leiharbeit liege Bremen im Vergleich der Bundesländer an der Spitze.

Die Industrie setze auf Leiharbeit statt auf Vollzeiteinstellung, klagen die Kammervertreter. Im Einzelhandel gehe es um Minijobs und Teilzeit- statt Vollzeitbeschäftigung. Beschäftigte in Dienstleistung und Pflege müssten oft für Niedriglöhne unter 9,50 Euro arbeiten. „Mittlere Einkommen, tragende Säulen unserer Gesellschaft, gibt es immer weniger – auch in Zeiten guter Konjunktur“, so die Kammer.

Ein besonderes Kapitel widmen die Arbeitnehmervertreter in ihrem Lagebericht der Windenergie. Natürlich wird die Ansiedlung der Branche begrüßt, die damit verbundene Aufbruchstimmung in Bremerhaven ebenfalls. Doch: „Anstatt in gute Arbeit und in Ausbildung zu investieren, zieht sich die Windenergiebranche vielfach auf das Instrument Leiharbeit zurück. Bei den großen Produzenten beträgt die Leiharbeitsquote rund 40 Prozent, bei einigen Unternehmen liegt sie gar bei 50 Prozent. In der Regel verdienen die Leiharbeiter deutlich weniger als die Stammbelegschaft, dabei bleiben sie im Durchschnitt zwei bis drei Jahre im Betrieb.“

Für weitere Kammer-Kritik sorgt der Umstand, dass Windenergiefirmen „kaum in Ausbildung investieren“. Nach Auskunft der Arbeitsagentur liege die Ausbildungsquote der Windenergieunternehmen zwischen zweieinhalb und drei Prozent. Im Land Bremen liegt sie bei 8,3 Prozent – also: 8,3 Prozent aller Arbeits- sind Ausbildungsplätze. Vor dem Hintergrund des vielfach beklagten Fachkräftemangels verstehen die Kammervertreter die Zurückhaltung der Branche nicht.

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