Roman über Abgründe des Musikgeschäftes

Krimipreis für Britin Liza Cody: Blick an den Rand

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Liza Cody am Lesepult im Goethetheater. Die Autorin hat am Mittwochabend den Radio-Bremen-Krimipreis bekommen.

Bremen - Die englische Krimi-Autorin Liza Cody blickt an den Rand der Gesellschaft. In ihrem neuen Roman „Ballade einer vergessenen Toten“ ermittelt kein Detektiv, sondern eine Biographin erforscht das Leben eines vor Jahren ermordeten Mädchens, das erfolgreich in der Musikbranche war. Für ihre Geschichten nahm Cody am Mittwochabend auf der „Kriminacht“ im Goethetheater den 18. Radio-Bremen-Krimipreis entgegen.

Das Mordopfer in „Ballade einer vergessenen Toten“, Elly Astoria, tritt nur am Anfang des Buches auf. Cody liest aus dem Abschnitt im englischen Originaltext. Sie beschreibt eine Schülerin, die mit Einkaufstaschen in eine abgewrackte Wohnung kommt. Vor einer Zimmertür stellt sie Sachen für ihre Mutter ab, die sie mit durchfüttert. Die Mutter kommt nicht raus. Elly geht in ihr Zimmer, stellt einen Kassettenrekorder vom Flohmarkt an und spielt auf einem Keyboard Akkorde von Hits aus den 60ern nach. Sie grübelt über die Begleitung auf der Gitarre nach, denn Elly verdient Geld als Straßenmusikerin. Sie hat ein weiteres Talent: schnell verschwinden und in der Masse untertauchen, etwa, wenn Diebe es auf ihr Geld abgesehen haben. In der Schule fehlt sie nur, wenn sie ihre Mutter ins Krankenhaus bringt. Biographin Amy taucht ein ins Musikbusiness und befragt Leute aus dem früheren Umfeld der Ermordeten. Sie merkt, wer Amy half, tat das auch immer aus Eigennutz. Cody spricht über eigene Lektüreerfahrungen: „Je bekannter die Persönlichkeit ist, die in einer Biographie dargestellt ist, desto mehr reden die Menschen, die zu Wort kommen, von sich selbst.“

Cody hat einen kritischen Blick auf ihr Land. „Die englische Gesellschaft hat sich immer weiter gespalten, zwischen Engländern und Nicht-Engländern, zwischen Reich und Arm, Leuten, die in der EU bleiben wollen, und solchen, die das nicht wollen“, sagt die Autorin. Die Folge seien auch Ressentiments, Antisemitismus, Sexismus und Rassismus. „Kriminalliteratur kann einer so kaputten Gesellschaft da helfen, wo gute Geschichten einen Widerspruch bilden zu Vorurteilen.“ Es müsse beim Aufzeigen der Widersprüche aber ein konstruktiver Umgang gefunden werden. Menschen müssten sich immer wieder entscheiden, sich gut zu verhalten. Armut stelle viele vor Hindernisse und erzeuge viel Kriminalität.

Cody, Jahrgang 1944, hat ein bewegtes Leben hinter sich. Sie hat an der Royal Academy of Art studiert, arbeitete als Grafikerin, Möbeldesignerin und Putzfrau und restaurierte Figuren in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett. Zudem arbeitete sie als „Cody the Roady“ für, so die Künstlerin, „eine der schlechtesten Bands von London“ und kennt daher auch das Musikgeschäft. 1980 begann die Krimikarriere der Legasthenikerin mit „Dupe“, erster Band der Anna-Lee-Reihe. in der sechs Bücher erschienen.

Cody erklärt, warum sie über das Thema Musik schreiben wollte: „Musik kann einen in kurzer Zeit auf eine Art und Weise aufwühlen, die man mit 1000 Worten nicht erreicht.“ Ganz anders ist ihr Urteil zum zugehörigen Business: „Die Musikbranche ist voll von Idioten.“

Die Jury betonte, dass die Autorin es dem Leser nicht bequem mache. Cody habe einen sehr speziellen Blick, für das, was in einer Gesellschaft passiere. Ihre Literatur sei ein „Schredder für Prunk und Arroganz“. Der Krimipreis, den Intendantin Yvette Gerner überreichte, ist mit 2500 Euro dotiert. Neben der Preisträgerin Liza Cody waren am Abend auch die Krimiautoren Bernhard Jaumann und Michael Jensen zu Gast.

Zuschauerin Ulrike Lichtenfeld (63) aus Bremen ist beeindruckt und hat bereits beschlossen, Codys Roman zu verschenken. „Cody hat in ihrem Leben viele Stationen hinter sich gebracht“, sagt Lichtenfeld, der am Abend auch die lockere und humorvolle Art der Autorin gefallen hat.

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