Billig-Importe aus China gefährden Bremer Arcelor-Mittal-Werk / Betriebsrat bereitet Belegschaft auf Einsparungen vor

„Überlebenskampf“ in der Stahlindustrie

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Das Bremer Werk von Arcelor Mittal steckt in der Krise – trotz voller Auslastung.

Bremen - Von Viviane Reineking. Die Stahlindustrie in Europa steckt in einer Krise. Und damit auch die Bremer Hütte von Arcelor Mittal. Ein Personalabbau steht noch nicht zur Debatte, sagte gestern der Betriebsratsvorsitzende des Werkes, Klaus Hering. Dennoch müsse gehandelt werden. Nur wie, darüber besteht noch Uneinigkeit zwischen Arbeitnehmervertretung und Vorstand.

„Arbeit ohne Ende“ und trotzdem in wirtschaftlichen Schwierigkeiten: Es klingt nach einem Paradoxon. „Das Werk ist voll ausgelastet“, sagt Ute Buggeln von der IG Metall Bremen. Und trotzdem mussten Vertreter von Gewerkschaft und Betriebsrat in einer Betriebsversammlung die Beschäftigten über die schwierige Lage der Bremer Stahlwerke informieren. „Wir haben es hier mit einer anderen Form der Krise zu tun“, so Buggeln. Neben gestiegenen Strompreisen und Produktionskosten sei vor allem subventionierter Billigstahl aus China, der zu Dumpingpreisen auf den europäischen Markt dränge, Grund für den Kostendruck.

Die Krise kam nicht überraschend. Seit einem halben Jahr etwa hat sich laut Hering abgezeichnet, „dass wir in diese Situation kommen“. Seit dem Sommer habe es einen „dramatischen“ Preisverfall gegeben – beim sogenannten Warmbreitbandstahl um rund 30 Prozent, so der Arbeitnehmervertreter. Und: „Der Verfall ist noch nicht gestoppt.“ Obwohl das Werk mit einer jährlichen Produktion von rund 3,5 Millionen Tonnen Flachstahl – etwa acht Prozent der deutschen Stahlproduktion – eines der produktivsten im Konzern sei, „können wir unter diesen Wettbewerbsbedingungen nicht mehr konkurrieren“. Betroffen seien alle Stahlwerke in Europa, es habe ein „Überlebenskampf“ eingesetzt.

Also fordern nun Konzern und Betriebsrat gleichermaßen die Politik zum Handeln auf. Bundesregierung und EU müssten die Billigimporte aus China stoppen. Hering: „Wir brauchen keine Subventionen, sondern faire Wettbewerbsbedingungen.“ Hier herrscht Einigkeit, nicht dagegen darüber, wie gespart werden könne. Laut Hering habe der Vorstand am Mittwoch von einem „Schicksalsjahr für die europäische Stahlindustrie“ gesprochen.

Während ein Stellenabbau Hering zufolge in Gesprächen mit dem Vorstand kein Thema war, könnte es zu Einsparungen beispielsweise bei einer außertariflichen Prämie kommen, außerdem zu Kurzarbeit und Arbeitszeitverkürzungen für den Fall, dass das Unternehmen die Kosten nicht mehr tragen und die Produktion zurückfahren werde.

Der Betriebsratsvorsitzende befürchtet außerdem Auswirkungen auf Folgeindustrien wie den Automobilbereich und auf mittelständische Unternehmen, die mit den Stahlwerken zusammenarbeiten.

Zustimmen werde man Sparmaßnahmen jedoch nur, wenn der Konzern zugleich die Zukunft des Bremer Standortes sichere – zum Beispiel durch notwendige Investitionen in den Hochofen 2, der seit fast 18 Jahren Rohstahl produziert – „Weltrekord“, so Hering. Er müsse dringend generalüberholt werden.

Auch die SPD-Bürgerschaftsfraktion forderte gestern „gerechte Handelsbeziehungen“: „Dazu gehört vor allem, dass wir etwa durch eine Verkürzung der Fristen zur Einreichung von Handelsklagen zwischen Staaten oder Handelszonen Möglichkeiten schaffen, um ‚Foulspiele im internationalen Handel‘ endlich zeitnah und regelkonform zu ahnden“, so der SPD-Abgeordnete Dieter Reinken. Parallel dazu sei eine Neuregelung des Emissionshandels nötig. „Es macht keinen Sinn, die Stahl-Herstellung in Europa einerseits durch eine verschärfte Klimapolitik zu verteuern – und dann zuzusehen, wie künftig in China mit deutlich stärkeren Emissionen produziert wird“, so der umweltpolitische Sprecher Jens Crueger. Nach Angaben des Betriebsrates stoßen chinesische Werke über 40 Prozent mehr Schadstoffe aus als zum Beispiel die Bremer Hütte.

In den kommenden Wochen sollen Aktionen auf die Situation in der Stahlindustrie aufmerksam machen. Zudem wollen Vorstand und Betriebsrat mit Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) am 9. Februar zu einem „Stahlgipfel“ im Rathaus zusammenkommen.

Im Bremer Werk von Arcelor Mittal sind 3500 Mitarbeiter beschäftigt.

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