Vorträge und Exkursionen von der „Uni der Straße“

Angebote für Obdachlose und Interessierte: „Bildung gehört zum Leben“

+
Der Beamer läuft. Dahinter steht Cory Patterson, seit eineinhalb Jahren Koordinator des Projekts „Uni der Straße“.

Bremen - Von Martin Kowalewski. Das Thema „Rechtsextreme Symbole“ ist brisant und zwölf Besucher im Café Papagei lauschen bei der „Uni der Straße“ den Ausführungen von Torsten Dähn, Dozent in der Erwachsenenbildung. Er zeigt verbotene Symbole: das Hakenkreuz, auch in umgedrehter Form. Doch heute würden Anhänger des Rechtsextremismus weitaus schwerer zu erkennen sein. Neben den berüchtigten Thor-Steiner-Textilien würden sie manchmal sogar Bilder von Che Guevara tragen. „Sie verbindet mit ihm, dass sie sich wie er als Teil einer Bewegung sehen“, sagt Dähn.

Die Weite der Ausführungen ist beachtlich. Eine echte kleine Vorlesung, perfekt passend für die „Uni der Straße“, die sich an Wohnungslose und auch an andere Interessierte wendet. Mittlerweile läuft das dritte Semester. Veranstaltet wird die Straßen-Uni vom Verein für Innere Mission Bremen. Die Gelder kommen für drei Jahre von der „Aktion Mensch“. 2018 wird ein neuer Unterstützer gebraucht.

Dähn zeigt Musikvideos aus dem rechtsextremen Spektrum. Nach dem Vortrag folgt eine Diskussion, und die Besucher tauschen Erfahrungen aus. Natürlich wird dabei auch die Bremer Band „Kategorie C“ erwähnt.

Die Besucher sind nicht zum ersten Mal hier. „Ich komme zu fast jeder Veranstaltung. Mich interessieren alle gesellschaftswissenschaftlichen Themen. Letztlich war ich mit auf einem Rundgang zur Street Art im Viertel. Das war auch gut.“ Der Mann wohnt zur Zeit im Hotel. Sein Kaisenhaus sei abgebrannt. Er gehe von Brandstiftung aus, sagt er.

„Die Idee ist toll, kostenlose Bildung zu vermitteln“

Das Thema „Street Art“ fand auch Klaus Schröder toll. „Es war spannend, sich bewusst werden zu lassen, wie das alles entstanden ist“, sagt er. Der ehemalige Düsseldorfer war lange wohnungslos. Seit Dezember hat er wieder eine feste Bleibe. „Die Idee ist toll, kostenlose Bildung zu vermitteln. Ich gehe manchmal auch ins Haus der Wissenschaft“, sagt er. Hemmungen, Bildungseinrichtungen aufzusuchen, habe er während seiner Obdachlosigkeit nie gehabt.

Cory Patterson, Koordinator der „Uni der Straße“, weiß, dass Bildung für Obdachlose ein Problem darstellt. „Bei den Maßnahmen für Obdachlose geht es meistens und Essen, Kleidung und Notunterkünfte. Aber auch Bildung und Kultur gehören zum Leben“, sagt Patterson. „Viele Obdachlose trauen sich aber nicht in öffentliche Einrichtungen. Hier bei uns gibt es keine Schwellen.“

Die Veranstaltungen im Café Papagei bestünden meist aus einer halben Stunde Frontalunterricht und einer halben Stunde Diskussion. „Viele Besucher haben eher eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, darum halten wir das eher kurz.“ Doch es entstünden auch rege Diskussionen, die bisweilen auch länger liefen.

Exkursionen ins Universum und Weserstadion

Wenn eine Exkursion ansteht, geht es mit der „Uni der Straße“ raus aus dem Stammplatz im Café Papagei. Kürzlich gab es einen Besuch bei der Ausstellung „Lieblingsräume“ im Universum und auch einen Besuch bei Werder im Weserstadion. Am 20. Juli geht es ins Wolfcenter nach Dörverden. Das Thema: „Mensch und Hund“.

Natürlich fehlen auch nicht die lebensnahen Themen. Behandelt wurden schon: wählen als Wohnungsloser, Ernährung und Hartz-4-Recht. Über Schulden sprach ein Insolvenzrichter. „Wir füllen eine Lücke“, sagt Patterson. „Oft leben Obdachlose in einem seltsamen Alltagstrott. Wir bringen da Abwechslung und Sinn rein. Es gibt viele clevere Leute auf der Straße, mit denen man anspruchsvolle Diskussionen führen kann.“

Im Publikum sitzen auch die Studentinnen Iwona Musiol und Evelyn Eske. Sie gehören zu einer Gruppe von sieben Studenten aus dem Fach Public Health, die für ein Jahr an der Planung mitwirken, sich Themen ausdenken und Dozenten einladen. Eine Idee fasziniert sie besonders. „Wir wollen was mit der Photovoice-Methode machen. Wir verteilen Kameras an die Besucher und lassen sie ihren Alltag fotografieren. Wir machen das dann auch“, sagt Eske. „Jeder erzählt, was er gemacht hat. Was finden die schön, was wir?“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Aktionstag zur Wiederbelebung in Verden

Aktionstag zur Wiederbelebung in Verden

Prominente zur Wahl: Von Katzenberger bis Hallervorden

Prominente zur Wahl: Von Katzenberger bis Hallervorden

Organisierter Rucksacktrip: Reisen mit lokalen Veranstaltern

Organisierter Rucksacktrip: Reisen mit lokalen Veranstaltern

Blühende Kerzen und flüssiges Gold: Erntezeit am Bodensee

Blühende Kerzen und flüssiges Gold: Erntezeit am Bodensee

Meistgelesene Artikel

Gewalttätige Handy-Räuber bei Tat beobachtet und festgenommen

Gewalttätige Handy-Räuber bei Tat beobachtet und festgenommen

Margaretha Meinders: Heldin auf hoher See

Margaretha Meinders: Heldin auf hoher See

12-Jähriger wird von fünf Jugendlichen ausgeraubt

12-Jähriger wird von fünf Jugendlichen ausgeraubt

„Hitparade“: Theaterschiff zeigt munteren Klamauk

„Hitparade“: Theaterschiff zeigt munteren Klamauk

Kommentare