Der Marmorsaal von Kaffee Hag wird 100 / „Tag der offenen Tür“ am 20. Juli

Bewegte Geschichte

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Lloyd-Caffee-Inhaber Christian Ritschel (v.l.) und die ehemaligen Hag-Mitarbeiter Manfred Siebert, Bärbel Gartelmann, Karl Schellhaaß und Karl-Heinz Niemeyer wollen den Marmorsaal mit neuem Leben füllen. ·

Bremen - Von Jörg Esser. Eine Legende wird aus der Versenkung geholt und mit neuem Leben gefüllt. Ein Schmuckstück, das in die Jahre gekommen ist, aber nur wenig von seiner Faszination eingebüßt hat¨: der Marmorsaal in einem der ehemaligen Kaffee-Hag-Gebäude auf dem Areal am Fabrikenufer wird 100 Jahre alt.

Und das soll gefeiert werden – mit einem Familienfest der Hag-Belegschaft am 19. Juli und einem „Tag der offenen Tür“ am 20. Juli.

Das Hag-Areal ist eine Industriebrache. Sieben alte Fabrikgebäude stehen noch – der Hag-Turm, das Kaba-Werk und der Lagererweiterungsbau mit dem Marmorsaal. Das Gelände gehört der niederländischen Anlagegesellschaft Marba Hag  BV, Verwalter ist die Berliner Sirius Facilities. Einige Millionen Euro sind investiert worden – in die Kanalisation, in die Stromversorgung, in die Infrastruktur. Doch das war’s bislang. Der Architektur-Studiengang der Hochschule Bremen saß auf gepackten Koffern, wollte ins Kaba-Werk ziehen. Doch der Deal platzte. So ist Christian Ritschel mit Lloyd-Caffee (Rösterei, Café, Shop) der einzige Mieter auf dem Gelände am Holzhafen. Seit 2009. Er hat dafür gesorgt, dass im Marmorsaal direkt neben der Lloyd-Rösterei wieder Kaffeeduft zu schnuppern ist.

Zurück in die Geschichte: 1906 gründete Ludwig Roselius die Kaffee-Handelsaktiengesellschaft, kurz: Kaffee Hag. Ein Jahr später begann der Kaufmann und spätere Böttcherstraßen-Mäzen am Holzhafen mit der Produktion von coffeinfreiem Kaffee. Die Fabrikgebäude entstanden in seinerzeit hochmoderner Stahlbeton-Skelettbauweise. Die Kaffeeproduktion boomte – neue Gebäude mussten her. Und so entstand in einem Erweiterungsbau 1914 der Marmorsaal – für Repräsentationszwecke. „Hier hat sich Roselius ausgetobt“, sagt Manfred Siebert, lange Jahre Betriebsratsvorsitzender bei Kaffee Hag. Italienischer Marmor wurde verbaut, dunkles Parkett. Vitrinen wurden in die Wände eingelassen. Darin stellte Hag Produkte und Werbemittel aus. Im Saal empfing Roselius Geschäftspartner und ausländische Botschafter.

Der Marmorsaal dokumentiere „bewegte Geschichte“, sagt Siebert. Er blieb der repräsentative Mittelpunkt der Kaffeefabrik und des „Gemischtwarenladens“ mit Chemielabor, Schlosserei und Weberei, den Roselius aufgebaut hatte. Den Direktoren wurde im Marmorsaal das Mittagesssen serviert. Und die Hag-Mitarbeiter feierten hier ihre Jubiläen. Schließlich wurde der Saal für Betriebsratswahlen zum Wahllokal umfunktioniert. 1991 wurde der Marmorsaal geschlossen, zwölf Jahre, nachdem Roselius Junior Kaffee Hag „in einer Nacht- und Nebelaktion“ an General Foods aus Amerika verkauft hatte. „Das war die schwerste Niederlage für die Belegschaft“, erinnert sich Siebert. Kaffee wurde zunächst weiter produziert, Hag durchlebte diverse Firmenfusionen. Heute existitieren nur noch die Marken Hag, Kaba und Onko.

Und die Erinnerung lebt. Auf altem Porzellan, auf Werbeplakaten mit den Hag-Markenzeichen, dem roten Herz und dem Rettungsring. Der Marmorsaal hat im Laufe der Jahre gelitten. Einbrecher haben Wasserleitungen herausgerissen und den Saal unter Wasser gesetzt. Goldene Wasserkräne sind gestohlen worden. Und auch das Bremer Wappen, das eines der vielen Fenster zierte, fand unerwünschte Liebhaber.

Der Marmorsaal steht unter Denkmalschutz. Er kann für Feiern gemietet werden. Und er ist immer dann öffentlich zugänglich, wenn Ritschel sein Café geöffnet hat, also täglich von 11 bis 17 Uhr. Am Sonntag, 20. Juli, soll der Saal einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden – bei einem „Tag der offenen Tür“ von 11 bis 16 Uhr.

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