Detlev Claussen spricht über Auschwitz und die „Banalisierung des Bösen“

Bewahren und Vergessen

Prof. Dr. Detlev Claussen. ·
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Prof. Dr. Detlev Claussen. ·

Bremen - Von Viviane ReinekingEr studierte bei Adorno und Horkheimer, zuletzt lehrte der Sozial- und Literaturwissenschaftler Detlev Claussen an der Universität Hannover. Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus hielt er an der Uni Bremen den Vortrag: „Nach Auschwitz. Über die Banalisierung des Bösen“.

Warum ist das Erinnern an Auschwitz problematisch?

Claussen: Für die Menschen ist das, was in Auschwitz geschehen ist, nicht vorstellbar. Das war bereits 1945 so. Sie haben versucht, das Erzählte in ihre Erfahrungen zu integrieren, aber das war für sie unvorstellbar. Diejenigen, die das Grauen überlebt hatten, haben sich unverstanden gefühlt. Es sprengt die Grenzen der menschlichen Erfahrung, und es ist schwer, dafür Worte zu finden.

Lange wollte sich dann kaum jemand erinnern …

Claussen: Es gab ein langes Schweigen bis etwa 1960. Dann kamen enorm wichtige und komplexe Ereignisse wie der Eichmann- und der Auschwitz-Prozess. Das, was schon Hannah Arendt erkannt hat, war: Das Geschehene aus einer Person heraus zu erklären, reicht nicht. Das Resultat ist so furchtbar, die Gründe müssen woanders liegen. Es sind gesellschaftliche Kräfte, und das kann ich nur erfassen, indem ich über das Ganze, den ganzen Prozess nachdenke. Aber wer macht das schon gerne. Wir haben es doch viel lieber, dass ein einzelner Böser für etwas verantwortlich ist. So gehörten zum Beispiel die Dämonisierung der Nazis und die Entschuldung zu der Sichtweise der 60er Jahre. Das war das Programm der Vergangenheitsbewältigung.

Lässt sich die Vergangenheit bewältigen?

Claussen: Nein, das ist unmöglich. Ich nenne es das falsche Versprechen. Man wird die Vergangenheit nicht los. Das führt notwendigerweise zu einer Verzerrung, das nenne ich mit Adorno die „Varianten des Vergessens“.

Bilder und Filme spiegeln den Schrecken der Konzentrationslager wider…

Claussen: Filme unterliegen den Gesetzen der Massenkommunikation und bewirken eine Banalisierung. Es wird versucht, eine Geschichte verständlich zu machen, und wird so auf ein menschliches Niveau reduziert. „Schindlers Liste“ beispielsweise verzerrt das Bild völlig, der Film erzählt eine Erfolgsstory, aber die überwältigende Mehrheit ist doch untergegangen. Und: Im Film sprechen alle eine Sprache, dabei war das Sprachgewirr ein wesentliches Merkmal. Leute, die die Befehle nicht verstehen, sie deshalb nicht befolgen können. Der Film hat einen realistischen Anspruch, ist aber Pseudorealismus.

Über Filme und Bilder gibt es keine ernsthafte Auseinandersetzung?

Claussen: Überhaupt nicht. Ich muss mich jedes Mal überwinden, über Auschwitz zu sprechen. Es ist schrecklich, sich damit auseinanderzusetzen, auch, weil es keine einfachen Lehren aus der Geschichte gibt. Das ist ein falsches Versprechen. Man muss sich konfrontieren mit einer Wirklichkeit, die kaum zu bewältigen ist. Das massenmediale Produkt aber ersetzt die wirkliche Erfahrung. Die TV-Serie „Holocaust“ von 1978 war für mich jedoch der Anlass, zu merken, dass da etwas nicht stimmt. Es ist eine Chance, auf Widersprüche hinzuweisen.

Doch wie soll die Auseinendersetzung stattfinden?

Claussen: Ich nähere mich dem indirekt an, beschäftige mich mit den Verzerrungen. Indem ich diese kritisiere, wird klar, was passiert ist. Das reale Auschwitz verschwindet hinter den ganzen Darstellungen. Ein anderes Beispiel ist das Reden vom Holocaust – ein massenmediales Artefakt, isoliert aus der realen Geschichte. Die letzte Variante des Vergessens ist die Banalisierung, das Vergessen durch Geschwätzigkeit.

Sind alle Versuche, Erinnerung zu bewahren, zum Scheitern verurteilt?

Claussen: Es gibt meiner Meinung nach nichts zu bewahren. Man muss immer wieder versuchen, zu begreifen, was letztlich nicht zu begreifen ist. Jede Generation muss sich neu damit auseinandersetzen.

Wie kann dann Versöhnung stattfinden?

Claussen: Versöhnung kann man nicht versprechen. Wir können ja nicht für andere reden, die ermordet wurden. Das ist ja auch das Schmerzhafte: Es gibt kein gutes Ende in dieser Auseinandersetzung. Das fällt uns sehr schwer.

Wie werden sich folgende Generationen ohne Zeitzeugen erinnern?

Claussen: Ich glaube, gar nicht. Es wird irgendwann nicht mehr weitergegeben. Beredsamkeit ist eine vorübergehende Sache und bereitet ein Vergessen vor. Aber man weiß nie, durch welche Ereignisse es wieder in Erscheinung tritt.

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