Vergessen, Verwirrung und Verzweiflung

„Perspektiven verschieben sich“

+
Bettina Tietjen las in der Stadtbibliothek West.

Bremen - Von Isabel Niesmann. Demenz heißt nicht nur Vergessen, Verwirrung und Verzweiflung. Demenz kann auch das alberne Lachen oder die neu entdeckte Liebe für Volksmusiksendungen, Cola und Chips sein.

Das beweist die bekannte Moderatorin Bettina Tietjen mit ihrem Buch „Unter Tränen gelacht – Mein Vater, die Demenz und ich“. Am Mittwochabend präsentierte sie dieses in der ausverkauften Stadtteilbibliothek West. Ehrlich, emotional und humorvoll beschreibt Tietjen die fortschreitende Demenz ihres mittlerweile verstorbenen Vaters, von der ersten Verwirrung bis zur völligen Orientierungslosigkeit.

„Mit dem Verstand verabschieden sich auch Hemmungen und Zwänge, in guter und in schlechter Hinsicht“, sagte Tietjen. „Mein Vater war immer ein sehr rationaler Mensch, mit der Krankheit kam die emotionale Seite zum Vorschein. So fröhlich war er sein ganzes Leben nicht.“ Das sei wohl die „Gnade der Demenz“. Ähnlich war es mit Schimpfworten. Auf einmal habe ihr Vater angefangen zu fluchen. „Das hat er sich vorher nie erlaubt“, erzählte Tietjen, die mit ihrem Buch Hemmschwellen abbauen und von den positiven Erfahrungen mit Pflegeheimen berichten möchte.

In einem Hamburger Pflegeheim in direkter Nachbarschaft verbrachte ihr Vater die letzten zweieinhalb Jahre seines Lebens. Das habe ihr Leben nicht nur extrem verändert, sondern auch sehr bereichert. Bis zu dieser Erkenntnis und der Akzeptanz der Krankheit war es ein langer Prozess. „Die Demenz schleicht sich in den Alltag ein, ohne dass man sie bemerkt. Erst wenn die kleine Anzeichen immer größer werden, geht das Verdrängen nicht mehr.“

Tietjens Vater machte sich mehrmals am Tag auf den Weg zur Bank, um immer den gleichen Betrag abzuheben, ließ sich kiloweise Trockenshampoo von Verkäufern aufschwatzen und fuhr später jeden Tag zur Arbeit, obwohl er schon längst Rentner war. Die Entscheidung für das Pflegeheim sei nicht leicht gewesen und die ersten Wochen mit einem nagenden schlechten Gewissen verbunden. Dann aber wurde Tietjen klar: Ein Problem mit dem Heim haben vor allem die Angehörigen, ihr Vater wirkte zufrieden.

Viele komische Momente und Begegnungen gab es in dieser Zeit, zum Beispiel die mit dem Heimbewohner und Schwerenöter Arthur, der jeder Frau sofort einen Heiratsantrag machte. Oder der Waldspaziergang, bei dem ihr Vater ganz ungeniert auf eine Joggerin zeigte und „dicker Arsch“ rief. Oder der Tanztee, bei dem Tietjen, ihren Vater und eine Bewohnerin betrachtend, dachte: „Die beiden würden gut zusammenpassen, wenn sie nicht morgen schon wieder vergessen hätten, dass sie sich kennen.“

„Perspektiven verschieben sich“, skizzierte Tietjen, wie es ihr gelang, die guten Seiten der Veränderungen anzunehmen. „Man muss seine eigenen Ansprüche zurückschrauben und darf nicht auf sich selbst fixiert sein“, so Tietjen. Mit ihrer sehr persönlichen Lesung ohne übertriebene Rührseligkeit, dafür aber mit liebevollen Beschreibungen schärfte sie den Blick für die kleinen, kostbaren Momente im Alltag mit Demenzkranken.

Siebter Dschungel-Tag in Bildern: Ekel-Prüfung und Klo-Erlebnis

Siebter Dschungel-Tag in Bildern: Ekel-Prüfung und Klo-Erlebnis

Alexander Zverev nun gegen Nadal - Djokovic ausgeschieden

Alexander Zverev nun gegen Nadal - Djokovic ausgeschieden

Die deutschen Promis bei der Berliner Fashion Week - Bilder

Die deutschen Promis bei der Berliner Fashion Week - Bilder

Grippewelle 2017: Die aktuelle Lage in Deutschland

Grippewelle 2017: Die aktuelle Lage in Deutschland

Meistgelesene Artikel

Marcel Kalz und Iljo Keisse sind die Könige von Bremen

Marcel Kalz und Iljo Keisse sind die Könige von Bremen

Sixdays-Geschäftsführer Hans-Peter Schneider zieht positive Bilanz

Sixdays-Geschäftsführer Hans-Peter Schneider zieht positive Bilanz

DJ Toddy und Mickie Krause geben in den Sixdays-Nächten ordentlich Gas

DJ Toddy und Mickie Krause geben in den Sixdays-Nächten ordentlich Gas

Polizeieinsatz gegen den Drogenhandel: Kontrolle in Spielothek

Polizeieinsatz gegen den Drogenhandel: Kontrolle in Spielothek

Kommentare