Tolle Stimme, blasse Show

Tim Bendzko: Berliner Biedermann

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Schmusepop ohne wirkliche Aussage: Tim Bendzko lockte am Dienstagabend gut 5 000 Fans in die Bremer ÖVB-Arena. Was sie zu hören bekamen, ging nicht wirklich unter die Haut.

Bremen - Von Steffen Koller. Weltretter, Frauenschwarm, preisgekrönter Musiker: Tim Bendzko gastierte am Dienstagabend in der Bremer Stadthalle (ÖVB-Arena) und versuchte in der knapp zweistündigen Show seine gut 5 000 Fans zu verzaubern. Leider blieb es beim Versuch.

Denn: Wer seine Tour „Immer noch Mensch“ so konzipiert, dass frühestens nach 50 Minuten überhaupt so etwas wie Stimmung aufkommt, hat wohl einiges falsch gemacht.

Der Anfang ist erst mal gelungen. Aus den vordersten Reihen in der nicht ansatzweise ausverkauften Halle kreischt die „Generation Facebook“ nach ihrem Idol. Mädchen um die 14 machen große Augen, Familien sind zu sehen und Männer, die heute klar die Minderheit darstellen. Manche scheinen es gar nicht erwarten zu können, dabei ist der 32-Jährige pünktlich wie die Maurer.

Publikum singt mit

Punkt 20 Uhr lichtet sich der in Schwarzlicht getauchte Vorhang, Streicherklänge wabern durch die Halle, als Bendzko und seine zehnköpfige Band den Song „Unter die Haut“ anstimmen. Das Publikum singt mit, über von der Decke hängende Stofftücher streifen Projektionen. Das alles ist romantisch, etwas kitschig zugleich, und doch auch irgendwie langweilig.

Zwar hat der gebürtige Berliner gleich zu Anfang sein Sympathie-Level bei vielen Zuschauern in die Höhe schnellen lassen, als er sagt, er sei „alles andere als ein HSV-Fan“, doch wer fast eine Stunde lang eine Ballade an die andere reiht, das Publikum mehr als 50 Minuten auf ein Gitarrenriff warten lässt und diese seinen Songs innewohnende Melancholie gefühlt endlos zelebriert, kann nicht unbedingt erwarten, dass das Ganze wirklich unter die Haut geht.

Stimmung steigt in Hälfte zwei

Die zweite Hälfte gestaltet sich da schon etwas anders. Mit „Nur noch kurz die Welt retten“ steigt die Stimmung, was auch daran liegen mag, dass Bendzko seinen Musikern kurze Zeit freien Lauf lässt. Wie gesagt, nur kurz. Denn wenig später heißt es: Zurück auf Anfang.

Balladen, hervorragend gesungen, keine Frage, doch einfach nicht mitreißend. Bendzko sagt selbst, seine Lieder hätten keine Botschaft. Es geht um Lebenswege, Lovestorys, Lernprozesse. Oft vage, verlieren sich die Zeilen im Abstrakten. Wie diffuse Worthülsen ohne politischen, geschweige denn gesellschaftskritischen Anspruch.

Songs sehr eingängig

Doch das scheint im letzten Drittel des Konzerts besser anzukommen. Eingängig sind seine Songs ja, Mitschunkel-Potenzial ist definitiv vorhanden, mitsingen können fast alle. Doch so sehr der Schmusepop von Bendzko und Band als „einfache Kost“ betitelt werden kann, so sehr plätschert im Gesamteindruck das Ganze vor sich hin. 

Tim Bendzko in der Bremer ÖVB-Arena Bremen

Aber vielleicht ist es ja auch genau das, was man als Fan hören möchte. Songs mit wenig Aussage, perfekt gesungen von einem Wuschelkopf mit Gitarre, Jeans und grüner Jacke. Benzdko ist Profi genug, um zu wissen, dass er am Ende des Konzerts noch ein paar Hits raushauen muss. Der letzte Eindruck ist ja bekanntlich der, der sich einbrennt – so richtig unter die Haut.

So kommt es dann auch, dass sich nach 90 Minuten und vier Zugaben doch so etwas wie Stimmung in der Arena breitmachen will – obwohl bereits viele Zuschauer wie Ameisen von den Rängen strömen, ihre Jacken nehmen und in den Bremer Nachthimmel verschwinden. Eine dieser „Ameisen“ sagt beim Verlassen der Halle: „War ganz okay. Geld würde ich dafür aber nicht nochmal ausgeben.“ Ganz Unrecht hat sie damit wohl nicht.

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