Beklemmende Bilder

Jugendliche des Volksbund-Workcamps treffen Zeitzeugen im Lidice-Haus

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Heinrich Gerner zeigt Jugendlichen Bilder von der Front aus seinem Buch. Mit der anderen Hand deutet er auf die Stelle, an der er seine Kamera trug.

Bremen - Von Martin Kowalewski. Heinrich Gerner ging mit einem Fotoapparat an die Ostfront. Die Fotos hat er in dem Buch „Bilder einer verführten Jugend“ veröffentlicht. Ein großer Teil der Bilder ist beklemmend: Massengräber, Kreuze und viele zerstörte Fahrzeuge.

Der 95-Jährige ist einer der Zeitzeugen, die den Jugendlichen des Internationalen Workcamps des Bremer Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge aus ihrem Leben erzählen.

Als gelernter Gärtner musste Gerner an der russischen Front immer ran, wenn Kameraden beerdigt wurden. Vor ihm sitzen am Donnerstagmorgen im Lidice-Haus sechs Jugendliche aus Russland, Italien, Deutschland und Polen. „I am glad to see you“, begrüßt er seine jungen Zuhörer. Er berichtet zunächst von einer Jugend mit viel Armut und den vielen Regierungsumbildungen während der Weimarer Republik.

Zeitzeugengespräch ist Schwerpunkt

Das Zeitzeugengespräch ist einer der Schwerpunkte beim Volksbund-Workcamp. Drei weitere Zeitzeugen sind für die insgesamt 30 Jugendlichen aus zehn Ländern da. Diese haben sich bereits bei der Pflege der Kriegsgräber und Gedenkstätten auf dem Osterholzer Friedhof engagiert und lernen Bremen kennen. Andras Raptis aus Ungarn wurde von einem Freund, der am Camp teilgenommen hat, animiert, nach Bremen zu kommen. „Es ist total spannend, dieses interkulturelle Treffen hier zu erleben“, sagt der 22-Jährige.

Als die Nazis an die Macht kamen, war der 1921 geborene Zeitzeuge Gerner zwölf Jahre alt. Seine Jugendgruppe in der Friedenskirche wurde aufgelöst. Er musste zur Marine-Hitlerjugend. Er erinnert sich an Rudertouren, zunächst war die Politik noch weit weg. Ständig wurde aber gegen Ausländer gehetzt, die die Deutschen angeblich kleinhalten wollten. „Dann kam noch der West-Wall an der französischen Grenze. Die Propaganda sprach von einer Unterdrückung der deutschen Minderheit in Polen“, sagt Gerner. „Als der Einmarsch in Polen stattfand, glaubten wir, wir müssen das Land verteidigen.“

Erinnerungen an ein Weihnachtsfest

1940 musste der ausgelernte Gärtner Gerner zur Wehrmacht, zunächst nach Dänemark. „Wir hatten da ein schönes Weihnachtsfest. Da war das Essen noch nicht rationiert, in Deutschland schon“, sagt er. Dann kommt die Verlegung an die Grenze der damaligen Sowjetunion. „Uns wurde an einem Abend gesagt, wir sollen über die Grenze und eine Brücke einnehmen und freihalten, damit Panzer darüberfahren können“, erzählt Gerner. „Wir fragten uns, wieso. Deutschland und Russland hatten doch einen Nichtangriffspakt.“ 

Es habe Gerüchte gegeben, man wolle nur durch Russland durch, um Engländer im Nahen Osten anzugreifen. Nach Sicherung der Brücke ging es erst hinter den Panzern her. „Einmal traute sich der Leiter der Abteilung zu weit vor. Wir wurden eingekesselt. Der Abteilungsleiter und zwölf Soldaten sind gefallen“, sagt Gerner. Er zeigt Fotos im Buch von dem Grab und anderen Situationen an der Front. Er hebt den anderen Arm zur Brust auf Höhe des Herzens. „Hier habe ich meine Kamera getragen“, sagt er.

Temperaturen von minus 40 Grad

Das nächste Weihnachtsfest erlebte Gerner in einem russischen Haus, in das er eingewiesen wurde, weil Temperaturen von minus 40 Grad keine Nacht im Zelt erlaubten. Ein paar Süßigkeiten waren geschickt worden. Er gab einiges an Kinder ab. Der russische Winter ließ ihm im Kampf die Zehen gefrieren. In einem Güterwaggon kam er ins Lazarett. Er spendete Blut für einen Beinamputierten, der dann aber starb, erzählt er den Jugendlichen des Volksbund-Camps.

Die Jugendlichen gucken gebannt, hören die englische Übersetzung. Manchmal schauen sie betroffen nach unten.

Beim nächsten Einsatz in Krasnogwardeisk, heute Gattschina, musste Gerner miterleben, wie zwölf Zivilisten erschossen wurden – als Rache für zwölf umgebrachte deutsche Soldaten, wie er sagt. Endlich wurde Gerner ins ruhige Norwegen versetzt. Derweil sah es in Bremen nach Bombenangriffen schlecht aus. „Ich bekam ein Telegramm. ,Hier ist alles kaputt. Bitte komm nach Hause.‘ Doch das wurde nicht genehmigt.“ Seine Mutter und seine Schwester mussten ihr Blumengeschäft aufgeben, weil es nicht kriegswichtig war. Als Gerner nach Hause kam, stand nur noch die Hälfte ihres Hauses.

Für Nachfragen der Jugendlichen ist keine Zeit. Schnell ein Gruppenfoto, dann geht es zum Essen. Ein Mädchen sagt Gerner noch kurz, dass es spannend war zu hören, wie es ihm in der Jugend ergangen sei. Sonst höre sie immer nur etwas über die Erfahrungen der Soldaten, sagt sie.

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