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Bei Hilfseinsatz schwer verletzt: Innensenator spricht junger Bremerin Lob aus

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Von: Thomas Kuzaj

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Die Bremerin Ayleen Holz sitzt an der Contrescarpe auf einer Parkbank der Wallanlagen. Bei einem Hilfseinsatz im Bahnhof Verden hat sie sich im September vorigen Jahres so schwer am Unterschenkel verletzt, dass dieser amputiert werden musste.
Die Bremerin Ayleen Holz sitzt an der Contrescarpe auf einer Parkbank der Wallanlagen. Bei einem Hilfseinsatz im Bahnhof Verden hat sie sich im September vorigen Jahres so schwer am Unterschenkel verletzt, dass dieser amputiert werden musste. © Kuzaj

Bremen/Verden – Ein Tag, der ihr Leben verändert hat, von einem Augenblick auf den anderen – das ist der 3. September vergangenen Jahres für die 25-jährige Bremerin Ayleen Holz. Bei einem dramatischen (und vergeblichen) Hilfseinsatz am Bahnhof Verden verletzte sie sich schwer. Am Donnerstag hat Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) ihr – spürbar bewegt – eine öffentliche Belobigung ausgesprochen.

Zuvor hatte Ayleen Holz sie noch einmal erzählt, die Geschichte jenes Tages im September 2021, der alles verändert hat. Manchmal kommen ihr die Tränen bei dieser Schilderung, dann wieder fasst sie sich und sagt: „Ich war schon immer ein hilfsbereiter Mensch, es war aus dem Impuls heraus.“

Am 3. September 2021 war Ayleen Holz auf dem Weg zum Flughafen Hannover. „Ich musste in Verden umsteigen.“ Es dauert, bis der Zug kommt. Um sich die Zeit etwas zu vertreiben, läuft die junge Frau herum und telefoniert mit ihrer Schwester Julia. „Dann habe ich gesehen, dass da jemand im Gleisbett lag. Ich habe meiner Schwester am Telefon gesagt, dass ich helfen muss, das Handy auf meinen Koffer gelegt, bin hingerannt und runtergesprungen.“

„Sie haben nicht weggeschaut“

„Sie haben nicht weggeschaut. Sie haben gehandelt, das ist alles andere als normal“, sagt Lüder Rippe bei der Ehrung am Donnerstag zu der Bremerin. Rippe leitet die für die Bahnhöfe zuständige Bundespolizeiinspektion Bremen.

Was dieser Ehrung im „Blauen Salon“ der Bremer Innenbehörde an der Contrescarpe fehlt, ist das sonst bei Anlässen dieser Art gern erzählte glückliche Ende. Denn in diesem Fall gibt es keines. Ayleen Holz: „Der Mann im Gleisbett war nicht mehr ansprechbar. Ich habe ihn nicht hochbekommen. Dann habe ich gesehen, dass ein Güterzug auf mich zukam. Ich habe gespürt, dass ich geflogen bin. Ich lag auf dem Boden und war noch ansprechbar und habe geschrien vor Schmerzen. Leute haben versucht, mich wachzuhalten. Dann wurde mir mein Handy gebracht.“ Die Schwester war noch dran. „Ich habe mich bei ihr entschuldigt.“

Lüder Rippe, Inspektionsleiter bei der Bundespolizei.
Lüder Rippe, Inspektionsleiter bei der Bundespolizei. © Kuzaj

Warum der im Gleisbett tödlich verletzte Mann dort hineingesprungen war, ist nicht bekannt, sagt Inspektionsleiter Rippe. Und er sagt: „In Verden fahren Züge mit bis zu 160 Kilometern pro Stunde durch den Bahnhof.“ Was also tun, wenn etwas passiert ist, wenn Hilfe nötig ist? Wenn möglich, 110 wählen und den Zugverkehr stoppen lassen. Und wenn das nicht möglich ist? Eine zweite Person bitten, den Zugverkehr zu beobachten – um zu warnen, wenn ein Zug kommt, so der Bundespolizist. Wer sich um einen Menschen in einer Notlage kümmere, könne das nicht auch noch selbst im Blick haben.

Koma, Amputation, Komplikationen

Ayleen Holz berichtet, dass sie nach zwei Tagen im künstlichen Koma in Rotenburg im Krankenhaus aufgewacht ist. Sie hatte sich bei ihrem Hilfseinsatz so schwer am Unterschenkel verletzt, dass dieser schließlich amputiert werden musste. Und es gibt Komplikationen: „Alles hatte sich entzündet.“ Dazu: Lungenembolie, Beckenfraktur, weitere Entzündungen, weitere Operationen. „Ich habe mich in ein Krankenhaus nach Hamburg verlegen lassen.“ Dort sei noch ein Stück amputiert worden. „Am Anfang habe ich mich nicht getraut, mir das anzuschauen. Ich wollte das erst nicht akzeptieren und habe auch beim Verbandswechsel weggeschaut.“

Die Hoffnung, zu Weihnachten nach Hause zu kommen, erfüllte sich nicht. Stattdessen: Rückenschmerzen, starke Fieberschübe, eine Woche Intensivstation. „Eine Lungenentzündung. Ich konnte nicht mehr sprechen. Es sah überhaupt nicht gut aus. In dieser Zeit bin ich drei Mal fast weg gewesen.“

Bremerin liegt sieben Monate im Krankenhaus

Dann, in der zweiten Januarwoche: Reha, stationär. Im Februar: Prothese. Ende März wurde die 25-Jährige aus dem Krankenhaus entlassen – nach fast sieben Monaten. Im Moment macht sie von montags bis freitags eine ambulante Reha. „Damit es mit dem Laufen vorangeht, ich das Gleichgewicht halten kann.“ Hinzu kommen Tests mit verschiedenen Gelenken. „Mein Stumpf ist ein bisschen zu lang, es passt nicht jedes Gelenk darunter.“

Ja, es gebe Stürze. Und manchmal auch Momente, in denen sie sich frage: „Warum hast Du das gemacht?“ Angehörige und Freunde sagen ihr dann: „Hättest Du es nicht gemacht, hättest Du auch ein schlechtes Gewissen.“ Ayleen Holz: „Ich bin positiver Dinge, dass es bergauf geht. Ich sage mir jedes Mal, dass ich Glück habe, dass ich noch lebe.“ Die 25-Jährige hofft, im September mit der Wiedereingliederung in ihren Beruf (als medizinische Fachangestellte bei der Paracelsus-Sportmedizin im Weserstadion) beginnen zu können. Das wäre ein Jahr nach dem Tag im Bahnhof Verden, an dem sich ihr Leben von Grund auf verändert hat. Jener Tag, dessen Geschichte, so Innensenator Mäurer, „man erzählen muss“ – mit „Respekt und Anerkennung“.

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