Der schaurig-schöne Reiz von altem Beton

Bremer Bauherren entdecken den Bunker für sich

In unterschiedlichen Formen und Farben zu haben: Ein Bremer Bunker.

Bremen - Von Heinrich Kracke. Eine solche Menschentraube hat der Fockenberg selten erlebt. In Oslebshausen liegt die kleine Stichstraße, ganz im Bremer Norden, bis zum Knast sind es nur ein paar hundert Meter. Wer kommt hier schon hin? Höchstens Anwohner. Am vergangenen Dienstag entwickelt sich der Fockenberg zu einem Magneten.

Wohnen im Bunker kann ganz angenehm aussehen, wie die Architekten Mielke und Freundenberg belegen.

In kleinen Grüppchen stehen sie vor mächtigen Betonwänden. Es ist Besichtigungstermin. Wieder ein Bremer Bunker, der unter die Leute gebracht werden soll. Er steht zum Verkauf. Und da ist regelmäßig was los. „Nicht unwahrscheinlich, dass im Oktober noch die Unterschrift unter die Notarsurkunde gesetzt wird,“ sagt Thomas von Seggern. Im Auftrag der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben veräußert er Bremer Bunker. Er hat gut zu tun. Im laufenden Jahr besonders. Der mächtige Klotz am Fockenberg ist bereits der achte Bunker, der den Besitzer wechselt. Und ganz allmählich zeichnet sich ein Ende des Angebots ab. Da will man noch mal dabeisein. Mit 53 Luftschutzanlagen aus Bundesbesitz sowie in etwa die gleiche Anzahl in städtischem Besitz weist die Hansestadt die größte Dichte auf. Sie allesamt zu verkaufen, das sei eine Lebensaufgabe, vermuteten Beobachter, als vor knapp einem Jahrzehnt die ersten Mahnmale diktatorischer Menschenverachtung auf den Markt kamen. Doch von Ladenhütern kann keine Rede sein. Mehr als 30 hat allein der Bund inzwischen schon verkauft, und die restlichen 21 sollen ab kommendem Frühjahr auf den Markt geworfen werden, immer nur zwei bis drei pro Jahr, sagt von Seggern. Mehrere Millionen Euro sind bereits in die Staatskasse geflossen.

Ein bisschen Fantasie bedarf es schon, um sich in diesem Umfeld einen gemütlichen Platz zum Wohnen vorzustellen.

Gelüftet wurde hier schon lange nicht mehr. Wer über das Treppenhaus Stockwerk für Stockwerk erobert, dem steigt zunehmend der Geruch von Desinfektionsmitteln in die Nase, von Farbe, die schon seit Jahrzehnten an den Wänden haftet und deren Ausdünstungen immer noch nicht verzogen sind, von Öl, das zum Schmieren der Türverschlüsse gebraucht wurde. Aber gelüftet werden kann auch nicht. Es gibt keine Fenster, und schon gar keine zum Öffnen. Das einzige, was sich vor den Augen der Betrachter öffnet, ist gespenstische Leere, und die ist in grelles Neonlicht getaucht. Doch die gruselig-bizarre Kulisse schreckt niemanden. Im Gegenteil. Der Oslebshauser Bunker aus dem Jahr 1942, jenem Jahr, in dem in Bremen die Bunker wie Pilze aus dem Boden schossen, er verheißt eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Über 1000 Quadratmeter misst das Grundstück – wer kann das schon vorweisen in Bremen. Drei Vollgeschosse stehen darauf, über 1000 Quadratmeter „Nutzfläche“, alles solide verarbeitet. Sehr grundsolide. Die Wände sind mehr als einen Meter dick, die Obergeschossdecke sogar anderthalb. Da kommt im Winter keine Kälte durch und im Sommer keine Hitze. „Zum Heizen würde ein Teelicht reichen,“ sagt einer der Schaulustigen. „Wärmedämmung braucht man schon,“ weiß ein anderer.

Löste beträchtliches Interesse aus: Der Bunker am Fockenberg.

Fürs Energiesparen interessieren sich allerdings nur die wenigsten. Was sie elektrisiert, steht in der untersten Zeile des Exposés. „Eine Aufstockung ist grundsätzlich möglich,“ heißt es dort. Fünf trockene Worte, die gleich eine ganze Welle zusätzlicher Kaufinteressenten auslöst. Denn alles ist in einem solchen fest verschließbaren Gebäude möglich. Manche richten sich eine Werkstatt für ihre Oldtimer ein, manche nutzen sie als Lager, viele aber zielen besonders auf das Flachdach ab. In ihrer Fantasie steht das Familiendomizil schon. Es wird hoch droben neu gebaut, es ist über einen zu errichtenden Fahrstuhl zu erreichen, es verspricht die perfekte Aussicht. Der ganze Rest des Bunkers dient als sozusagen mehrstöckiger Keller. „Das ist durchaus eine Überlegung, die ich häufiger gehört habe,“ sagt Vermarkter Thomas von Seggern.

Allerdings geht’s auch anders. Direkt im Bunker wohnen, auch das ist möglich. „Fenster in die dicken Wände hineinzuschneiden ist längst kein Problem mehr,“ sagt Claus Freudenberg. Im Duo mit Rainer Mielke bildet er seit zehn Jahren das Architekturbüro Bunkerwelten, das als einer der wichtigsten Wegbereiter für das Leben in spektakulärer Umgebung gilt. Mielke lebt mit Familie selbst in einer solchen Immobilie. Ein Einzelfall ist er nicht. „Die Interessentenschar reicht quer durch alle Bevölkerungsschichten,“ sagt Freudenberg. Der Rentner zum Beispiel, Einzelpersonen auch, sogar ganze Familien. „Wir haben eine kleine Warteliste.“

Voraussetzung ist freilich immer eine ausreichende Geschosshöhe. „2,60 Meter ist in Ordnung. Da kann man den heutigen Komfort-Standard mit Lärmschutz, fließendem Estrich und ansehnlicher Deckenverkleidung unterbringen.“ Weniger Höhe dürfe es nicht sein. Und wenn doch, dann müsse zu rustikaleren Methoden gegriffen werden, die nicht mehr so ganz günstig ausfallen. „In Hamburg haben wir sämtliche Geschossdecken herausschneiden lassen und innerhalb der Außenwände ein ganz neues Gebäude hochgezogen.“ Zuweilen nehmen sie auch Teilabrisse vor und pflanzen in die freigewordenen Flächen neue Häuser. Alles Maßnahmen, die durchaus Anklang finden. „Die Wohnungen sind ruckzuck weg.“ Lediglich ein einziges Mal zogen sie sich des Volkes Zorn zu. Vor zwei Jahren gab es bei einem Bunker an der Braunschweiger Straße in Bremen nur noch eine Lösung: Abriss, Sprengung. Das ganze Viertel stand Kopf, und die Nachbarn erst Recht. Sie fürchteten den Einsturz ihrer Häuser. Inzwischen ist der Rauch abgezogen und die Nachfolgelösung bezogen, und alle Nebengebäude stehen noch, aber vergessen ist es nicht. Freudenberg: „Einen solchen Aufschrei in der Bevölkerung tun wir uns nicht noch einmal an.“

Längst wagen sich nicht nur Architektenbüros und Wohnungsbaugesellschaften an die Bunker heran. Im Frühjahr stand eine ganze Straße sozusagen zum Verkauf. Fünf Bunker, alle nicht sonderlich groß, die einen Straßenzug in Sebaldsbrück „auflockern“, die Wilhelm-Wolters Straße. Privatpersonen haben sich hier ihren Traum vom eigenen Häuschen erfüllt.

Schnäppchen lassen sich bei den Bunkern allerdings schon lange nicht mehr machen. Die Zeiten, mit Kaufpreisen von 45.000 oder 50.000 Euro gelten als Anfangspanne. Mit einer Viertelmillion müsse schon rechnen, wer in guter Lage eine grundsolide Bausubstanz suche. Und die Preise kennen nur eine Richtung. Nach oben.

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