Bahnfunde – nichts kommt unter die Räder, vieles unter den Hammer

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Ein Schädel, ein Bundesverdienstkreuz, Handschellen, Schilder und Orden aus der DDR – alles Gegenstände, die den Weg in die Kuriositäten-Vitrine der zentralen Sammelstelle in Wuppertal gefunden haben. Zunächst im Zug oder auf dem Bahnhof vergessen, aber später abgeholt wurden zum Beispiel eine original verpackte Waschmaschine und ein Agenten-Koffer mit Waffen und Pässen.

Bremen - Von Sigi Schritt - Wer eine seiner sieben Sachen in einem Zug verliert, hat gute Chancen, mit etwas Geduld und der richtigen Strategie wieder an sie heranzukommen. Denn die Rückgabequote liegt bei 50 Prozent, und Bahn-Mitarbeiter wie Jürgen Fahrenkamp aus Diepholz bürgen dafür, dass einmal in der Datenbank der Bahn erfasste Fundstücke nicht unter die Räder kommen.

Fahrenkamps Büro befindet sich im Bremer Hauptbahnhof – passenderweise in der Nähe der Schließfächer, denn die werden nach 72 Stunden ausgeräumt. Es ist eine von insgesamt 82 Fundstellen der Bahn. Hier katalogisiert und verwaltet der 53-Jährige die Fundsachen aus Bremen und den Bahnhöfen Delmenhorst, Bremerhaven, Verden und Cuxhaven. Wer dort etwas verloren hat, könnte in Fahrenkamps großem Stahlschrank fündig werden.

Bahnkunden sind mitunter sehr vergesslich, und deshalb hat er gut zu tun. „3.000 Gegenstände landen jedes Jahr bei mir. Tendenz steigend.“ Bundesweit sind es rund 220.000. Fahrenkamp kennt die Ehrlichkeit der Bahnreisenden und des Personals und räumt auf mit den Vorurteilen, dass etwa Jugendliche Fundstücke einstecken: „Die geben prall gefüllte Portemonnaies genauso ab wie andere Leute.“ Diese Ehrlichkeit sei die Grundvoraussetzung für den immensen Aufwand, den die Bahn hinter den Kulissen betreibt. Ihr Fundservice kostet sie jährlich rund drei Millionen Euro.

Oft sind es Bahnmitarbeiter, die Vergessenes finden. Ob Geldbörse oder Gebiss: Endstation für verlorene Dinge ist Wuppertal. Dort befindet sich die Zentralstelle für Deutschlands Fundsachen. Bis sie jedoch dort landen, gehen sie durch viele Hände. Bleibt etwas im Zug liegen, nehmen es Zugbegleiter wie Guido Evler in Empfang. Evler, zugleich Teamleiter in Bremen: „Alle Kollegen haben stets Fundsachen-Anhänger dabei – eine Art Laufzettel.“ Den gilt es auszufüllen und an die Fundsache anzubringen. In den Zügen habe er selbst schon alles Mögliche gefunden, sogar ein Fahrrad. „Und einmal hatte ein Musiker seinen Kontrabass vergessen. Den habe ich schnell nachgeschickt, weil er das Instrument dringend brauchte.“ So etwas bleibt aber die Ausnahme, ebenso wie die noch original verpackte Waschmaschine, die im Zug stehen blieb.

Außergewöhnlich auch die Geschichte von einem Koffer mit Waffen und Pässen, auf denen stets die selbe Person zu sehen war. Beamte haben das Fundstück stillschweigend abgeholt. Auch Agenten sind vergesslich.

Arbeitsreich wird es immer bei wechselhaftem Wetter, wenn Fahrgäste bei Regen eingestiegen sind und bei Sonnenschein aussteigen. „Wenn die Sonne scheint, denkt niemand mehr an seinen Regenschirm“, sagt Evler. So auch an diesem Tag, an dem ein Gast Rucksack und Schirm vergessen hat. Der Laufzettel ist schnell zur Hand, und der Weg zum Service-Point kurz. „Wäre es eine Drogenpfeife oder eine Waffe, hätte ich die Bundespolizei eingeschaltet“, sagt der Zugbegleiter.

Am Service-Point nimmt Katarina Zenker (27) aus Bremen den blauen Schirm und den dunklen Rucksack aus dem Regionalexpress entgegen. „Wir sind erste Ansprechpartner“, sagt die Kauffrau für Verkehrsservice. Sie wundert sich über nichts mehr. Dass ein Kinderwagen abgegeben wird, ist eher die Ausnahme, aber schon vorgekommen. Normalerweise bekomme sie Handys, Schirme und Jacken auf den Tresen „und immer wieder Schlüssel“. Solche, die der Fahrgast dringend benötigt, werden mit dem nächsten Zug weitergeschickt.

Ende einer langen Reise: Der Besitzer von Schirm und Rucksack hat sich bei der Bahn gemeldet und ist persönlich zur zentralen Sammelstelle nach Wuppertal gefahren, wo ihm Volker Dieter Pütz seine Sachen überreicht.

In einer Liste vermerkt Katarina Zenker jede Fundsache. Wird sie nicht in den Folgestunden abgeholt, kommt sie am nächsten Morgen in die Fundstelle von Jürgen Fahrenkamp – so auch der Rucksack mit dem Regenschirm. Dort untersucht ihn Fahrenkamp. Auf die Handschuhe mit Metalleinlagen verzichtet er diesmal. Aber er trägt Latexhandschuhe. „Die Metallhandschuhe sind Selbstschutz. Für den Fall etwa, dass sich Besteck in einem Fundstück befindet.“ Dieses Mal besteht keine Gefahr: Im Rucksack findet er einen Computer, Papiere und Mandarinen. „Lebensmittel werden grundsätzlich gleich entsorgt“, sagt der ehemalige Bodybuilder. „Eine Frau wollte mal Fleisch abholen, dessen Haltbarkeit mehrere Wochen überschritten war. Gut, dass wir es schon weggeworfen hatten.“

Inzwischen kennt die Bahn-Datenbank sämtliche Details von Rucksack und Schirm. Hinweise auf den Besitzer gibt es keine. „Je nach Machbarkeit entwickle ich eigene Strategien, um die Eigentümer ausfindig zu machen“, sagt der 53-Jährige, dessen Detektivspürsinn bei jeder Fundsache neu geweckt wird.

Nach Wochenenden wartet stets besonders viel Arbeit auf ihn. Rund 30 bis 40 Gegenstände muss er dann in den Computer eingeben. „Auch nach Veranstaltungen wird viel vergessen.“ Etwa nach dem Sechs-Tage-Rennen in Bremen – und nach jedem Werder-Spiel. Nach dem Hurricane-Festival in Scheeßel bleiben im Hauptbahnhof ganze Wagenladungen voller Zelte, Schlafsäcke und Kisten liegen. „Bei einem Wert von unter 15 Euro bewahre ich die Gegenstände drei Tage auf. Dann werden sie weggeworfen. Nur wenn ein ideeller Wert erkennbar ist, bleiben sie liegen.“

Der „Herr der Fundsachen“ hat schon vieles aufbewahren müssen: eine Beinprothese etwa oder eine Gummipuppe, ja sogar undefinierbares Pulver.

Sieben Tage später hat immer noch niemand Schirm und Rucksack vermisst. Fahrenkamp schickt beides zur zentralen Fundstelle der Bahn nach Wuppertal. Für 80.000 Habseligkeiten ist hier jedes Jahr Endstation. Die Zeit läuft. 28 Tage bekommen Eigentümer Gelegenheit, sich um ihre verlorenen Gegenstände zu kümmern. Dann werden die Fundgegenstände versteigert.

Gleich 15 Mitarbeiter der Deutschen Bahn AG kümmern sich in Wuppertal um die teilweise hochwertigen Sachen. Smartphones, iPods, Computer und Geldbeutel lagern hier auf mehreren Stockwerken, ebenso Designer-Kleidung und Brillengestelle. Neben Kleidungsstücken, ganzen Koffern und Taschen finden sich auch Schmuckstücke, Kameras und DVDs in dem Gebäude neben dem Bahnhof – wohlsortiert wie in einem Kaufhaus.

Volker Dieter Pütz, stellvertretender Leiter der Fundzentrale, zeigt auf eine Vitrine mit kuriosen Fundstücken: Ein Brief aus dem Weißen Haus in Washington an einen Berliner sowie ein menschlicher Schädel springen sofort ins Auge. Besonders auffällig ist auch das Bundesverdienstkreuz, das ein Bahnkunde vergessen hat. Weil es nicht nummeriert ist, konnte der Eigentümer nicht ausfindig gemacht werden.

Ist die vierwöchige Lagerfrist verstrichen, werden die Fundstücke versteigert. Jeden Donnerstag wird im Wuppertaler Bahnhof ein kleiner Raum zum Tummelplatz für Schnäppchenjäger. Ein Auktionator bringt alles unter den Hammer, was die Bahnkunden verloren und nicht wiederhaben wollen. Daten auf Handys und Computern werden vorher gelöscht.

Ein großes Geschäft will die Bahn mit der Vergesslichkeit ihrer Kunden nicht machen. Mit dem Versteigerungserlös refinanziert sie einerseits den Fund-Service, einen Teil gibt sie für soziale Projekte aus. So erhielt im vergangenen Jahr die Bahnhofsmission 375.000 Euro für ihr Projekt „Kinderlounge“. Das Geld ist nicht etwa der Erlös zahlreicher Versteigerungen. Es wurde bar in einem ICE gefunden.

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