Mitarbeiter blockieren alle Tore

24-Stunden-Streik im Bremer Mercedes-Werk: Die Bänder stehen still

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Matthias Utsch (vorn) und weitere Streikende stehen vor Tor 10 des Bremer Mercedes-Werks. Die Bänder in Sebaldsbrück standen wegen des Streiks 24 Stunden still – das gab es seit vielen Jahren nicht.

Bremen - Von Martin Kowalewski. Tor 10 des Mercedes-Benz-Werks in Bremen ist dicht, wie alle 15 Tore. Davor stehen mehrere Dutzend Menschen mit Warnstreikleidung. Nebenan sind zwei große Zelte aufgebaut. Bratwürste liegen auf dem Grill.

Popmusik erschallt aus Lautsprechern, um die Leute munter zu halten. So sieht es an allen Toren aus. Der 24-Stunden-Streik ist in vollem Gange. Insgesamt 16.000 Menschen streiken am Donnerstag im Tarifbereich der IG Metall-Küste, allein 12.000 sind es beim Autobauer in Sebaldsbrück.

Der Streik soll Nachdruck verleihen für die IG-Metall-Forderungen nach sechs Prozent mehr Lohn, ein Recht auf befristete Teilzeit und Zuschüsse für die Pflege von Angehörigen und spezielle „Küstenforderungen“ nach genauso hohen Schichtzulagen wie im Süden sowie die Bezahlung von Umkleidezeiten.

Unter den Mitarbeitern ist auch Matthias Utsch (48) aus Achim. Er stand hier bereits am Mittwoch von 18 bis 22 Uhr. Am Donnerstag um fünf Uhr morgens ist er zurückgekommen und will bis 17 Uhr durchhalten. Er ist IG-MetallVertrauensperson und arbeitet im Werk im kaufmännischen Bereich.

Streik trifft auf Unterstützung

„An jedem Tor stehen um die 40 Leute. Sie sprechen mit Angestellten, die reinwollen, und erklären, was los ist. Sie treffen fast immer auf vollste Unterstützung“, sagt er. „90 Prozent der Belegschaft haben für den Streik gestimmt.“ In der Verwaltung, in der er arbeitet, waren es etwa 65 Prozent. „Da ist es immer etwas schwieriger, Unterstützung zu bekommen, weil dort die Arbeitsbedingungen einfach auch etwas besser sind“, sagt Utsch.

Am Grill ist es warm. Streikende bewachen das Tor 10 des Mercedes-Werks Bremen.

Das Neue an den aktuellen Verhandlungen sei, dass es diesmal nicht nur um quantitative Verbesserungen, also um mehr Gehalt, gehe, sondern mit der Forderung nach befristeter Teilzeit auch um qualitative. Utsch verweist auf das Motto „Wir wollen unsere Zeit zurück“ und ergänzt: „Die Geschichte zeigt, wenn es um die Bestimmung der Arbeitszeit geht, nimmt der Arbeitskampf eine andere Qualität an. Auch ich habe noch nie so einen Streik mitgemacht. Sonst gab es Warnstreiks und dann eine Einigung. Es ist der erste 24-Stunden-Streik seit 1986.“

Christoph Schulten zeigt auf Halle 93. Dort arbeitet der 45-jährige Verdener in der Logistik, an vorderster Front in der Fertigung. Eine volle Angleichung bei den Zuschlägen an die Bedingungen der Kollegen im Süden könnte ihm 450 Euro brutto mehr auf der Lohnabrechnung bringen. „Es ist unbegründet, dass wir nicht die gleichen Zuschläge bekommen“, sagt er. 

Schichtzulage sehr unterschiedlich in Deutschland

Die Schichtzulage im Norden liegt bei 15 Prozent, in Baden-Württemberg bei 30 Prozent. Das folgt aus dem Tarifvertrag, kein Mercedes-Problem, sondern eines der gesamten Metall- und Elektro-Industrie. „Diese Ungerechtigkeit gibt es seit 40 Jahren, doch jetzt platzt den Arbeitern der Kragen“, sagt Volker Stahmann, 1. Bevollmächtigter bei der Verwaltungsstelle der IG Metall in Bremen. 

Zudem würden Schichtzulagen in Baden-Württemberg schon ab 12 Uhr mittags gezahlt. „Ob das nun sein muss, weiß ich nicht. Wir wollen keine Eins-zu-Eins-Übernahme. Uns geht es um die Zuschläge für Spätschichten und Nachtarbeit“, so Stahmann weiter.

Forderung nach befristeter Teilzeit

Schulten sind aber auch die Forderungen nach befristeter Teilzeit und einem Zuschuss für die Pflege Angehöriger wichtig. „Es ist ein Versäumnis der Politik, dass es kein Recht auf die Rückkehr zur Vollzeit gibt. Wenn jemand staatliche Aufgaben wie die Pflege von Angehörigen übernimmt, sollte das auch bezahlt werden“, meint er.

Die Forderung nach der Anrechnung von Umkleidezeiten stütze sich auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs, so Stahmann. „Bei Dingen, die fest zu einem Beruf gehören, ist das zu bezahlen. Dabei kann es sich zum Beispiel um das Anlegen feuerfester Kleidung handeln.“

Zum Abend hin werden die Zelte abgebaut und zum Airbus-Werk transportiert. Dort beginnt am Freitag ein 24-Stunden-Streik. Der Betrieb bei Mercedes soll am Donnerstag um 22 Uhr wieder aufgenommen werden.

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