Serie: Verschwunden

„Concordia“ in Schwachhausen: Bälle und „Hungerkünstler“

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Ansichtskarten machten das „Concordia“ weit über Bremen hinaus bekannt. 

Bremen – Ballhaus, Konzertsaal, Experimentierbühne – kaum etwas, das es hier nicht gegeben hat. Aber inzwischen gibt es das „Concordia“ in Schwachhausen selbst nicht mehr. Und so ist es heute Thema in unserer Serie „Verschwunden“.

Die Geschichte beginnt in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als hier in einem Eisenbahnpavillon (an der seinerzeit ja ganz neuen Bahnstrecke Hannover – Bremen) regelmäßig Gartenkonzerte gegeben wurden. Immer am Sonntagvormittag, immer mit geistlicher Musik.

Kino-Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg

Anno 1880 wurde das Gebäude an der Schwachhauser Chaussee (heute längst: Schwachhauser Heerstraße) dann zu einer Wirtschaft mit Ausschank umgebaut, jetzt bekam es auch den Namen „Concordia“ (Latein für „Eintracht“). Der Name blieb bis zum Abriss im September 2016. Und meistens sagten die Bremer „das ,Concordia‘“, obwohl es ja eigentlich „die“ hätte heißen müssen. Egal. Konzerte und Bälle gaben hier zu Kaisers Zeiten den Ton an, auch Ansichtskarten verbreiteten den Namen des beliebten Lokals.

Tanzen gehen, etwas trinken, fröhlich feiern – so blieb es hier bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs hinein. Ohne große Schäden überstand das „Concordia“ die Bombenangriffe. Und nach dem Krieg? Da gab es erst einmal Streit um das Gebäude.

Der Senat brauchte Platz für eine Theaterbühne, da schien das unzerstörte „Concordia“ die naheliegende Wahl zu sein – schwere Schäden ließen am Goetheplatz keinen Spielbetrieb zu und das Theater in den Wallanlagen war vollkommen zerstört. Die „Concordia“-Pächter aber hatten anderes vor, sie wollten ein Kino eröffnen. So beschlagnahmte der Senat den Bau zeitweilig. Erst im Mai 1949, vor 70 Jahren also, konnten die „Concordia-Lichtspiele“ ihren Betrieb aufnehmen. Später wurde das Haus in „Concordia-Filmtheater“ umbenannt – mit der „Cinemascope“-Technik ganz auf der Höhe der Zeit, sieht man einmal von akustischen Störungen durch vorbeifahrende Züge ab. Das Kino gab es bis in die 60er Jahre hinein. Dann begann das – unter anderem durch die Fernseh-Konkurrenz ausgelöste – Kinosterben. Ende der 60er schloss das Haus mit seinen fast 450 Plätzen.

Und dann kam Bremens legendärer Theaterintendant Kurt Hübner (1916 bis 2007) ins Spiel, einer der Väter des „Bremer Stils“. Hübner sorgte dafür, dass das „Concordia“ zum Theater umgebaut wurde. Und so bekam das Theater Bremen eine kleine Experimentierbühne, von der so mancher Impuls ausging.

Rainer Werner Fassbinder (1945 bis 1982) zum Beispiel brachte hier 1971 sein Bühnenstück „Bremer Freiheit“ zur Uraufführung, das die Geschichte der Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried (1785 bis 1831) zum Thema hat – mit Darstellern wie Margit Carstensen, Kurt Raab und Norbert Kentrup. Auch die Theaterlegende George Tabori (1914 bis 2007) wirkte am „Concordia“. Tabori gründete hier das „Bremer Theaterlabor“ – es waren radikale Zeiten: Für eine Dramatisierung von Franz Kafkas Erzählung „Ein Hungerkünstler“ begannen die Ensemblemitglieder (unter ärztlicher Aufsicht) ein 40-tägiges Fasten – sehr zum Ärger von Horst Werner Franke (SPD, 1932 bis 2004), in jenen Jahren Senator für Wissenschaft und Kunst. Er drohte mit Zwangsernährung.

In den 80er Jahren bot das „Concordia“ unter anderem dem Tanztheater eine Bühne, so brachten Rotraut de Neve und Heidrun Vielhauer hier ihr Stück „Gezeiten – Daisy tritt über die Ufer“ heraus. Zur Saison 2007/08 gab das Bremer Theater das „Concordia“ aus finanziellen Gründen auf. Dann wurde das Gebäude noch einmal von der Shakespeare-Company genutzt, bevor der letzte Vorhang fiel. Letzter Akt: der Abriss 2016 – für einen Neubau mit Studentenwohnungen.

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