Autoscooter: Beobachtungen vom Epizentrum der Schnelllebigkeit

Rempeln, rasen, flirten

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Wenn die Nacht hereinbricht, fängt das Leben am Autoscooter an.

Bremen - Von Steffen Koller. Markige Sprüche, Miniröcke, Technomusik: Während der Mond hoch am Himmel steht und Zehntausende im Schneckentempo zwischen Imbissbuden und Kettenkarussell flanieren, zieht auf dem Bremer Freimarkt kaum ein Geschäft so viele Menschen an wie der Autoscooter. Beobachtungen am Epizentrum der Schnelllebigkeit.

22 Uhr: Der Duft von gebrannten Mandeln, Alkohol und Zuckerwatte liegt in der Luft. Ein Gemisch aus Angstschreien und Jubelrufen umgibt die Nacht. Während draußen vor den Toren des Freimarktes Autos abgeschleppt werden, Betrunkene ihren Rausch ausschlafen und verlorengegangene Heliumballons einsam ihre Kreise ziehen, herrscht an einem Ort irgendwie immer so etwas wie Routine: dem Autoscooter. Ein Platz zum Rempeln, Rasen und hemmungslosen Flirten. Ein Ort, an dem heimliche Helden und Möchtegern-Rennfahrer geboren werden.

Arthur und Maik (beide 15) besitzen keinen Führerschein – „noch nicht“, sagt Maik mit Nachdruck. Trotzdem fegen die beiden Schüler wie wild über die Fläche des Autoscooters „Topin“. Hier gelten keine Stoppschilder, keine Tempolimits, keine Punktekonten. Hier gewinnt der Stärkere, der, der sich mit einem Manöver möglichst unbemerkt an seine „Kontrahenten“ pirscht und gnadenlos zuschlägt. Ein Zusammenstoß, der Gummipuffer des Zweisitzers absorbiert nur das Nötigste, Nacken werden umhergeschleudert, Knie stoßen aneinander. „Davon können wir einfach nicht genug kriegen“, ruft Arthur und springt in den Scooter.

Während Arthur und Maik lässig mit Kaugummi im Mund, Kippe hinterm Ohr und einer Hand am Lenkrad ihre Runden drehen, sitzen Maggie (14) und Björn (17) am Rand, trinken Wein aus einer Plastikflasche. „Das ist ja nicht verboten, nur Glas ist halt kacke“, meint Maggie. Während sich die beiden in den Armen liegen, ruft der Rekommandeur markige Sprüche in die Nacht: „Boing – Volltreffer!“ Er feuert an und gibt ab und an auch so etwas wie hilfreiche Tipps: „Einmal drehen, dann geht’s vorwärts, Mädchen.“ Maggie und Björn interessiert das nicht, die beiden sind „voll verknallt“, sagen sie. Weitere Fragen unerwünscht.

Freimarkt-Party in Halle 7 am Samstag

Und auch das ist Autoscooter: ein Platz, an dem sich seit Jahrzehnten die Jugend trifft, sich Liebende kennenlernen und Trennungsdramen ihren Anfang nehmen. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts versammelten sich in den USA Mädchen und Jungen rund um die fröhlich funkelnden Fahrgeschäfte, die ursprünglich als Spielzeug für die obere Gesellschaftsschicht gebaut, dann aber auch dem Normalbürger zugänglich gemacht wurden. Mittlerweile sind Autoscooter, die in Deutschland zum ersten Mal 1926 auftauchten, vom Freimarkt nicht mehr wegzudenken.

Kurz vor Mitternacht, für heute ist fast Schluss. Die letzten Chips, die den Eintritt ins Remplerparadies versprechen, werden eingesteckt. Stoisch laufen Schausteller zwischen den Pausen auf die Fläche, fahren kaputte Skooter gekonnt an den Rand. Für viele Mädchen sind sie die Coolsten an diesem Abend, es scheinen ihre heimlichen Helden, so lässig parken sie die Gefährte.

Der Weltrekord für die längste Autoscooterfahrt liegt bei 24 Stunden. So lange hat es an diesem Abend keiner geschafft.

Freimarktumzug durch die Bremer City - Teil 2

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