Studie belegt: Fast jeder zweite Befragte ist betroffen / Von der Unterhaltung zum Glücksspiel

Automaten mit Suchtpotenzial

Weil das nächste Spiel schnell möglich ist, bergen Spielautomaten ein hohes Suchtpotenzial.

Bremen - Von Viviane Strahmann · Glücksspiel macht häufig süchtig. In den vergangenen Jahren ist die Gefahr dafür sogar noch größer geworden: „Es ist der Automatenindustrie gelungen, die Unterhaltungsautomaten mit einer kleinen Gewinnmöglichkeit zu Glücksspielautomaten aufzurüsten“, sagt der Spielsuchtforscher Prof. Gerhard Meyer von der Uni Bremen.

Spielsucht ist mittlerweile als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt. 242 000 Bürger haben einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge ein pathologisches Spielverhalten, das heißt: Sie sind spielsüchtig. 347 000 Menschen sind zudem gefährdet, eine Sucht zu entwickeln.

Fast jeder zweite befragte Kunde in Spielhallen und Gaststätten Niedersachsens, Sachsens und Bayerns ist einer weiteren Studie zufolge süchtig. Im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums hatte das Institut für Therapieforschung in München, in dessen wissenschaftlichem Beirat Prof. Meyer sitzt, die Studie durchgeführt, um die Auswirkungen der 2006 novellierten Verordnung für Geldspielautomaten zu überprüfen. Seitdem sind nach Angaben von Meyer deutlich höhere Gewinne und Einsätze möglich.

Zuständig für Spielautomaten sind nicht die Länder – wie bei Spielbanken, Lotterien und Sportwetten, sondern der Bund. „Da wir in den vergangenen Jahren eine starke Expansion gerade im Bereich der Spielhallen zu verzeichnen haben, ist auch die Zahl der Spielsüchtigen deutlich angestiegen“, sagt Prof. Meyer vom Bremer Institut für Psychologie und Kognitionsforschung. Glücksspiele stellen ein sehr lukratives Geschäft für die Anbieter dar. Da Automatenspiele in Spielhallen offiziell nicht als Glücksspiele gelten, werden sie auch nicht wie andere Glücksspiele besteuert, so Meyer. Dennoch habe die Branche es durch die Hintertür geschafft, daraus ein Glücksspiel zu entwickeln. Beim Glücksspiel werden Gewinne und Verluste mit Vermögenswert erzielt; das Spielergebnis ist weitestgehend durch den Zufall bestimmt. Die Spielverordnung für Automatenspiele besagt, dass der Höchsteinsatz pro Spiel 20 Cent und der Höchstgewinn zwei Euro betragen darf. Vor diesem Hintergrund würde es sich bei Geldautomatenspielen tatsächlich um ein Unterhaltungsspiel mit einer kleinen Gewinnmöglichkeit handeln.

Wenn da nicht ordentlich getrickst werden würde: „Die Studie hat jetzt deutlich gezeigt: Es hat praktisch eine legale Umgehung der gesetzlichen Bestimmungen stattgefunden.“ Geldeinsätze und Geldgewinne werden erst auf die Punkteebene und dann zurück auf die Geldebene verlagert. Reguliert wird die Punkteebene in der Spielverordnung nicht.

Sind zur Zeit in einem Spiel noch Gewinne bis zu 10 000 Euro möglich, sollen es ab Januar 2011 nur noch 1 000 Euro sein. Aber auch hier sei noch ein hoher Spielanreiz gegeben. Der Suchtfaktor liegt laut Meyer – im Gegensatz beispielsweise zur Lotterie – in einer hohen Ereignisfrequenz: Je schneller das nächste Spiel möglich ist, desto größer das Suchtpotenzial.

Kontrollverlust, Abstinenz unfähigkeit und Toleranzerwerb – es müssen immer höhere Einsätze und Gewinne erzielt werden, um die gewünschten Gefühle hervorzurufen – weisen auf ein Suchtverhalten hin. Familie und Beruf werden häufig zur Nebensache.

Von der von Experten vorgeschlagenen Lösung einer Spielkarte, auf der Verluste, die 200 Euro nicht übersteigen dürfen, gespeichert werden, hält der Wissenschaftler wenig. „Das schließt nicht aus, dass ein Spieler in die nächste Spielhalle geht. Süchtige Spieler werden sehr kreativ, um ans Glücksspiel zu kommen.“ Stattdessen müssten sie seiner Meinung nach wieder zu Unterhaltungsspielen werden.

Informationen und Hilfe bietet die „Bremer Fachstelle Glücksspielsucht“, dessen Leiter Prof. Meyer ist, unter der Telefonnummer 0421/989 7927 sowie unter 0421/6606 3207.

WWW.

gluecksspielsucht.uni-bremen.de

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