Durststrecke am Wasser

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Während im Süden der Hansestadt eine Weser-Überwegung für Radler fehlt, entwickelt sich die Kaisen-Brücke zum großen Nadelöhr der Stadt. Erstmals werden allein auf dem Ostseiten-Weg in diesem Jahr mehr als zwei Millionen Pedalritter unterwegs sein.

Bremen - Dem Wasser mehr als einen Kilometer folgen, anschließend eine kleine Stärkung auf dem Marktplatz einnehmen. Diesmal ist es ein Fahrradclub aus Achim, der bei angenehmen sommerlichen Temperaturen dort tourt, wo Bremen am schönsten ist, unterhalb des Osterdeiches direkt am Fluss.

„Wir folgen mehrmals im Jahr dem Weserlauf,“ sagt einer der Radler, „da sind alle dabei.“ Doch die Weser verbindet nicht nur die Radler der Region, sie trennt sie auch. Oft müssen epochale Umwege gefahren werden, um sie überqueren zu können, und wo es ausgewiesene Radwege gibt, kommt es allmählich zu Engpässen. Lösungen für diese Nadelöhre zeichnen sich nur schleppend ab.

Zuweilen sitzt Klaus-Peter Land vor seinem Stadtplan der besonderen Art. Unendlich viele gestrichelte Linie sind dort eingezeichnet, unendlich viele rote Punkte. Sie markieren die Engpässe, auf die der Geschäftsführer des Bremer Radler-Verbandes nicht müde wird hinzuweisen. Ganz unten auf dieser Karte ist ein langer schwarzer Strich mit zwei Pfeilen zu sehen. Eingezeichnet ist er ungefähr zwischen den Autobahn-Abfahrten Arsten und Hemelingen, ungefähr an der Weserbrücke der Autobahn. Solche Striche symbolisieren „Netzlücken“. „In diesem Bereich brauchen wir dringend eine Weserquerung für Radfahrer,“ sagt er.

Und schon taucht es wieder auf, jenes Phänomen, das seit mehr als zwei Jahrzehnten die Radfahrer-Lobby beschäftigt, und das zuweilen zu ungewöhnlichen Vorschlägen führt. „Den Radweg könne man doch unter die Autobahnbrücke hängen,“ hieß es immer mal wieder. Und alle nickten. Passiert indes ist nichts. Gar nichts. Es fehlt an Geld. Inzwischen mehren sich jedoch die Anzeichen für die Querung. „Ich gehe davon aus, dass sie auf absehbare Zeit kommt,“ sagt Radler-Geschäftsführer Land. In mehreren Abstimmungsgesprächen habe man sich auf eine eigene Brücke für Radler verständigt, die Autobahn-Anhängsel wären damit vom Tisch, gleichzeitig ist mit der Suche nach Förderprogrammen und Zuschüssen für ein solches Projekt begonnen worden. Der ehrgeizige Bau hat inzwischen sogar schon Niederschlag in offizielle städtische Planungen gefunden. Unter dem Aktenzeichen „D.23“ wird er im Verkehrsentwicklungsplan 2020/2025 geführt, sogar die Kosten sind schon grob kalkuliert, etwa fünf bis zehn Millionen Euro.

Das erstaunliche Tempo macht Sinn. An alles ist im Bremer Süden gedacht. An eine mächtige Brücke für Autofahrer, an eine einigermaßen leistungsfähige Querung für Eisenbahnen. Lediglich jene, die auf kurze Wege angewiesen sind, spielten in den Überlegungen bisher keine Rolle. Radler können die Weser in Achim-Uesen überqueren – und dann wieder an der Erdbeerbrücke in Bremen. Dazwischen liegt mit knapp 20 Kilometer der längste brückenlose Abschnitt an der ganzen Mittelweser.

„Das Potenzial ist riesig,“ glaubt denn auch Klaus-Peter Land. Tausende befahren alljährlich den Weser-Radweg, tausende sind als Freizeitradler unterwegs. Und auch der „Alltagsverkehr“ legt ordentlich zu. „Mit Pedelecs sind Anfahrten von 25 bis 30 Kilometer nicht zu weit. Das ist in einer guten Stunde machbar.“ Klartext: Vielen Pendlern aus dem Bremer Speckgürtel eröffnet eine solche Trasse neue Perspektiven, aus Stuhr, Weyhe, Achim und Oyten.

Zusätzlichen Schub dürfte die Verknüpfung der Hansestadt mit dem Umland aus einem jüngst beschlossenen Vertragswerk gewinnen. Vor drei Wochen nahm das länderübergreifende Netzwerk Fahrradfreundlicher Kommunen Niedersachsen/Bremen die Arbeit auf. Aus Hannover kommen 100.000 Euro als Anschubfinanzierung, aus der Hansestadt 10.000 Euro.

Welche Dimensionen der Radverkehr rings um den Roland inzwischen angenommen hat, belegt die Zählstelle am meistbefahrenen Knotenpunkt, an der Wilhelm-Kaisen-Brücke. Erstmals wurde die Millionen-Schwelle bereits Mitte Juni erreicht. Damit gilt als relativ sicher, dass bis zum Jahresende mit mehr als zwei Millionen radelnden Passanten ein neuer Rekord aufgestellt wird. Die Stadt Bremen dürfte damit ihre Ausnahmestellung in der Radler-Republik gewahrt haben. Unter den Metropolen mit mehr als einer halben Million Einwohnern belegte die Hansestadt schon vor drei Jahren Platz eins. Mehr als 25 Prozent aller Fahrten, so das Ergebnis einer Expertise damals, wurden mit Muskelkraft zurückgelegt. Inzwischen dürfte die Quote weiter gewachsen sein. Die Radfahrer-Organisation hält einen Wert von 40 Prozent für erreichbar. Wenn passable Bedingungen geschaffen werden.

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