CORONA Die „Polarstern“-Crew muss länger als geplant an Bord bleiben

Austausch erst im Mai

Das Forschungsschiff „Polarstern“ liegt eingefroren im Eis der Zentralarktis. Foto: ERNST/AWI/DPA

Bremerhaven - Von Janet Binder. Markus Rex hat im Moment kaum eine ruhige Minute. Ständig ist er im Austausch mit Behörden, dem Auswärtigen Amt oder Kollegen. Der Wissenschaftler am Alfred-Wegener-Institut (AWI) ist Leiter der einjährigen „Mosaic“-Expedition, die am 1. April Halbzeit feiert. An diesem Meilenstein will er keinen Zweifel aufkommen lassen: „Wir gehen weiterhin davon aus, dass die ,Polarstern‘ wie geplant am 12. Oktober nach Bremerhaven zurückkehren wird. Aus derzeitiger Sicht wird die Corona-Pandemie nicht zu einem frühzeitigen Abbruch der Expedition führen.“

Allerdings verzögere sich der nächste Crew-Wechsel um Wochen, weil Ein- und Ausreisegenehmigungen erteilt und Quarantänevorschriften eingehalten werden müssten. Als das Bremerhavener Forschungsschiff „Polarstern“ am 20. September vorigen Jahres von Norwegen aufbrach, um sich für ein Jahr in der zentralen Arktis einfrieren zu lassen, gab es zahlreiche Notfallszenarien. Die Wissenschaftler wollten auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. „Wir haben Pläne für vieles in den Schubladen“, betont Rex, „aber nicht für eine weltweite Pandemie dieses Ausmaßes. Das konnte niemand vorhersehen.“

Während der einjährigen Drift im Eis sollten alle zwei Monate die je 100 internationalen Forscher an Bord ausgetauscht werden. Der letzte Wechsel verzögerte sich bereits um zwei Wochen, weil das Versorgungsschiff mit dem neuen Personal nur sehr langsam durch das dichte Eis kam. Für den nächsten Austausch sollten Polarflugzeuge eingesetzt werden. Doch Corona hat alle Pläne zunichte gemacht: Niemand darf mehr nach Norwegen einreisen, die Wissenschaftler haben von ihren Instituten Reiseverbote bekommen. „Wir sind mit unseren Partnern in Diskussion, wie wir den nächsten Austausch trotzdem hinbekommen“, sagt Rex. Dieser werde „sehr wahrscheinlich im Mai“ sein. Bevor die neue Crew auf das Schiff kommt, werde sie zwei Mal auf das Virus Sars-CoV-2 getestet.

Rex selber wäre nach den ursprünglichen Plänen schon längst wieder an Bord. Beim ersten „Mosaic“-Fahrtabschnitt war er bereits dabei, er wollte für den vierten Fahrtabschnitt vor seinen Kollegen da sein und dafür einen Flug im Rahmen eines Projekts zur Vermessung von Atmosphäre und Meereis nutzen. Doch die Kampagne musste ausgesetzt werden, weil ein Teilnehmer positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Nun sitzt Rex in selbstauferlegter häuslicher Quarantäne. Er wolle kein Risiko eingehen.

Die derzeitige Mannschaft sei indes nicht in Gefahr. „Sie ist gut mit Lebensmitteln und Treibstoff versorgt“, betont Rex. Dass sie nun wesentlich länger als geplant an Bord bleiben muss, nehme jeder Teilnehmer anders auf. „Natürlich gibt es auch welche, die darunter leiden und gerne bei ihren Familien wären.“ Deshalb werden Satellitentelefongespräche mit einem Coach angeboten, der sich auf Krisenbewältigung spezialisiert habe. „Bisher sehe ich aber nicht, dass das nötig ist“, so Rex.

Den Forschern müsse erst einmal das dramatische Ausmaß der Pandemie verdeutlicht werden. „Sie können ja nicht im Internet surfen, dafür reicht die Bandbreite nicht.“ Täglich bekämen sie zwar kurze Zusammenfassungen. Außerdem stünden sie per E-Mail oder WhatsApp in Kontakt mit ihren Familien. Aber die manchmal sich stündlich überschlagenden Nachrichten bekomme die Crew nicht mit. Sie habe zudem ihre ganz eigenen Probleme. „Es gibt eine hohe Eisdynamik, immer wieder entstehen Risse auf der Scholle, und Instrumente drohen zu versinken.“ So hätten die Forscher alle Hände voll zu tun. „Das Leben an Bord geht weiter wie eh und je.“

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