Plötzlich wird der Schulalltag politisch

Jugendkultur und Wandel der Jahre 1960 bis 1975

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Hängen Fotos zum Thema „Musik“ auf: Katrin Willing (l.) und Sabine Steffen vom Bremer Schulmuseum.

Bremen - Von Thomas Kuzaj (52). „Man kann den Erwachsenen nicht trauen“, heißt es in einem Songtext von „Tocotronic“. Das Stück stammt von 2015. 1968 wurde es noch etwas anders formuliert: „Trau‘ keinem über 30!“ Genau das ist jetzt der Titel einer Ausstellung, die das Schulmuseum in der Unteren Rathaushalle zeigt.

Ihr Thema ist die Bremer Schule und Jugendkultur der Jahre 1960 bis 1975. Ein Zeitraum, in dem sich beides – Schule und Jugendkultur – radikal verändert hat. So ganz en passant korrespondiert das neue Projekt des Schulmuseums ganz wunderbar mit der Ausstellung „Protest und Neuanfang – Bremen nach ‘68“, die das Focke-Museum (Schwachhausen) noch bis zum 1. Juli zeigt.

Anfang der 60er, da atmete die Schule vielerorts noch den restaurativen Geist der 50er. Es gab Dinge, über die nicht gesprochen wurde. Und es gab Themen, die nicht behandelt wurden. Die jungen Leute aber, sie hatten zunehmend ihre Fragen – auch, was politische Dinge und die jüngere Vergangenheit anging. Und, ja, die wurde auch nicht überall totgeschwiegen. Am Kippenberg-Gymnasium in Schwachhausen etwa wurde zum Volkstrauertag 1963 ausdrücklich der politisch und rassisch Verfolgten in den Konzentrationslagern gedacht. Aber das war zu diesem Zeitpunkt noch die Ausnahme.

Der gesellschaftliche Wandel der 60er, er nahm dann Fahrt auf – und die jungen Leute immer mittendrin. Mode, Kino, Beat-Musik – ein Umbruch, der auch an Bremens Schulen für Unruhe, Diskussionen und Protestaktionen sorgte. Die Ausstellung in der Unteren Rathaushalle zeichnet all das mit Dokumenten und Zeitzeugenberichten nach; es gibt Themeninseln zu Komplexen wie „Mode“, „Musik“ und „Schülerzeitung“. Hörstationen und Filmbeiträge sorgen dafür, dass verschiedene Sinne des Ausstellungsbesuchers angesprochen werden.

Mitte der 60er – die Jugend wird politisch und geht plötzlich auf die Straße: Ausstellungsinszenierung mit historischem Foto und Schülerzeitungs-Schreibtisch (samt Schreibmaschine, r.).

So ergibt sich ein Rundgang, der zwar Erinnerungen weckt – etwa an die Arbeit mit den farbigen Holzstäbchen im modernen Mathe-Unterricht der frühen 70er. Die Ausstellung tappt aber nicht in die Nostalgiefalle. Sie beschreibt Umbrüche und wirft Fragen auf – auch mit Blick auf die Gegenwart.

Die neuen Lehrer Mitte der 70er, von ‘68 geprägt, sie wollten eigenständiges Denken und kritische Urteilsfähigkeit der Schüler fördern. Was hätten sie wohl zur Generation Smartphone gesagt, die im Netz freizügig mit persönlichsten Daten herumschleudert?

Die 60er und die frühen 70er – das war aber auch eine Zeit der Widersprüche. Nicht nur, weil unterschiedliche Interessen der Generationen aufeinanderprallten. Während in der Grundschul-Fibel noch traditionelle Rollenbilder („Vater geht in die Fabrik“) abgebildet wurden, ging es andernorts schon darum, welches Maß an Mitbestimmung tolerabel sein mag. Während die einen Schülerinnen sich Ende der 60er Roy-Black-Starschnitte ins Zimmer hängten, hörten andere die von vielen Erwachsenen verachtete Rockmusik und gingen auf Demos. 

Politik erreicht den Alltag

Der Alltag wurde politisch. Schüler und Schülervertreter forderten Partizipation. Die Konflikte wurden nicht nur mit Flugblättern und Schülerzeitungen ausgetragen, wie die Schau sie vielfach zeigt. Es wurden auch Konferenzen gestürmt, Klassenbücher weggeworfen, Schüler von Schulen verwiesen. Es war ein Kampf gegen und um Autorität.

Die Ausstellung erinnert zudem unter anderem an die antiautoritären Anfänge des Gymnasiums Horn und an die Gründung der ersten Gesamtschule in Bremen (das war die Gesamtschule West). Etliche Bildungsdebatten sollten folgen. Zudem hat die Ausstellung Alltags- und Schulgeschichte mit Schülern der Gegenwart zusammengebracht: 16 Klassen haben Filme, Podcasts und Inszenierungen zu verschiedenen Themen produziert.

„Trau‘ keinem über 30!“ Untere Rathaushalle, bis 1. Juli. Öffnungszeiten: täglich 11 bis 17 Uhr, donnerstags 11 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Begleitbuch (Edition Falkenberg): 14,90 Euro.

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