Ausstellung erinnert an den vergessenen Domkantor, Pädagogen und Schriftsteller Wilhelm Christian Müller

Bürgerliche Bildung und Beethovens Locke

Wilhelm Christian Müller 1790 auf einem Aquarell von Jacob Fehrmann (Focke-Museum).
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Wilhelm Christian Müller 1790 auf einem Aquarell von Jacob Fehrmann (Focke-Museum).

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Wilhelm Christian Müller – nie gehört? Nun, der Mann lebte von 1752 bis 1831 und war Domkantor, Pädagoge und Schriftsteller. Er hat die Entwicklung des Bremer Bürgertums entscheidend geprägt. Unter der Leitung von Christian Kämpf rücken Musikwissenschaftler der Bremer Uni den vergessenen Müller nun wieder in den Fokus.

Und zwar mit einer Ausstellung, die gestern Nachmittag im Dom-Museum eröffnet wurde – und dort bis zum 7. Februar 2015 zu sehen ist. Es gehe ihnen darum, „einen bedeutenden Repräsentanten des Bremer Bildungsbürgertums um 1800 dem Vergessen zu entreißen“, sagen die Initiatoren der Ausstellung.

In einem Forschungsseminar beschäftigten sich die Studenten mit Leben und Werk von Wilhelm Christian Müller. Für die Ausstellung trugen sie wertvolle Dokumente zusammen. Das Focke-Museum hat ihnen ein Porträt Müllers geliehen. Ein Teilnachlass Müllers wird in der Staats- und Universitätsbibliothek verwahrt – und wurde bislang noch nicht wissenschaftlich aufgearbeitet.

Handschriftliche Dokumente und Vortragsmanuskripte, Gelegenheitsgedichte und Libretti zu Dommusiken, Reisebeschreibungen, Briefe und illustrierte Elementarlehrbücher gehören zu dem Bestand. „Noten haben wir nicht gefunden, obwohl er Kantor war“, sagt Christian Kämpf, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik von Professor Ulrich Tadday. Das hatte im vergangenen Jahr mit dem Fund von Brahms‘ Bremer „Triumphlied“ bundesweit für Schlagzeilen gesorgt.

Nun also Müller, der im thüringischen Wasungen geboren wurde und 1778 nach Bremen gekommen war. Bremische Kaufleute, die für ihre Kinder eine fortschrittliche Bildung organisieren wollten, hatten ihn an die Weser gelockt. Schon im 18. Jahrhundert, gerade im Zusammenhang mit der Emanzipation des Bürgertums, gab es Bildungsdebatten und Reformprojekte. Müller war ein universal begabter Mann. Das zeige schon „die Vielfalt des Nachlasses mit seinen Publikationen auf den Gebieten von Ästhetik, Geschichte und Pädagogik“, so Kämpf. Weit über Bremen hinaus habe Müller den norddeutschen Raum beeinflusst.

In Bremen gründete er ein eigenes (und erfolgreiches) Erziehungsinstitut. Müller gelang die Etablierung einer bürgerlichen Musikkultur, er führte regelmäßige Privatkonzerte ein und gab ein „Bremisches Gesellschafts-Liederbuch“ heraus. Müller gründete eine „Erziehungs-Lesegesellschaft“, in der die Bremer aufklärungspädagogischen Ideen diskutierten.

Meist in Begleitung seiner Tochter, der Beethoven-Interpretin Elise Müller, machte Müller zudem ausgedehnte Reisen, die ihn auch nach Frankreich und Italien führten. Er schrieb Bücher darüber, Reisebeschreibungen waren seinerzeit en vogue. Und er knüpfte Beziehungen zu bekannten Zeitgenossen – der Domkantor, ein früher Netzwerker. Müller besuchte Beethoven 1820 in Wien, traf Carl Philipp Emanuel Bach sowie Goethe und Schiller. Die spektakulärsten Exponate der Ausstellung sind Original-Handschriften von Robert Schumann, eine Nachricht Beethovens an Müller und eine Locke des berühmten Komponisten als Leihgabe aus dem Beethoven-Haus Bonn.

www.musik.uni-bremen.de

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