Ausstellung dokumentiert die Rolle der Finanzverwaltung bei der Ausplünderung jüdischer Mitbürger

Pflichterfüllung im Unrechtsstaat

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Henning Lühr (v.l.), Dr. Jaromir Balcar und Karoline Linnert mit einer Schreibmaschine Typ „Erika“, die in der Ausstellung „Ausplündern und verwalten“ gezeigt wird.

Bremen - Von Jörg Esser. Ein deutscher Verwaltungsapparat funktioniert. Auch im Unrechtsstaat. Das zeigt eindrucksvoll die Ausstellung „Ausplündern und verwalten“. Diese dokumentiert im „Haus des Reichs“, wie jüdische Mitbürger im Nationalismus mit willfähriger Hilfe der Bremer Finanzverwaltung enteignet und wirtschaftlich vernichtet wurden. „Das war eine minutiöse Pflichterfüllung für den Unrechtsstaat“, sagt Finanzsenatorin Karoline Linnert (Grüne).

Mit der Ausstellung, die bis zum 31. März 2015 zu sehen ist, will sich das Finanzamt seiner NS-Vergangenheit stellen und ein „dunkles Kapitel beleuchten“, sagten Linnert und Staatsrat Henning Lühr, Initiator des Projekts, gestern vor Pressevertretern. Der Staat habe sich bei der Ausplünderung der Juden schamlos bereichert, private Unternehmen, darunter namhafte Speditionsunternehmen, haben sich als Dienstleister dem Nazi-Regime regelrecht angebiedert. Und auch einfache „Volksgenossen“ profitierten, wenn auf Auktionen der Besitz geflohener, vertriebener und deportierter Juden öffentlich versteigert wurden. „Vor der physischen Vernichtung kam oft der finanzielle Tod“, fuhr Linnert fort. „Menschen wurden unter der Schein-Legitimität eines geordneten Verfahrens vernichtet.“

Der Historiker Dr. Jaromir Balcar von der Uni Bremen, Leiter des Forschungsprojekts „Judenverfolgung und Wiedergutmachung in Bremen“, spricht von dem „konsequentesten Massenraubmord der Geschichte“. Es war ein Raubmord in Etappen. Zunächst seien diejenigen Deutschen, die die Nazis als Juden identifiziert und deklariert haben, aus der Volksgemeinschaft ausgegrenzt worden. Es folgten die Ausplünderung und als letzte Stufe die physische Auslöschung. Aufgabe der Reichsfinanzverwaltung war es dann, die „Überbleibsel der Juden zu beseitigen und zu verwerten, um so die Spuren ihrer Existenz zu verwischen“, so Balcar. Wer deportiert wurde, verlor jegliches Hab und Gut. Bei den „Judenauktionen“ bediente sich vorab die Finanzverwaltung. Es folgten andere Behörden und „Goldfasane“, also beispielsweise die Gemahlin des Gauleiters. Dann kamen die „Volksgenossen“ zum Zuge, vorrangig die Opfer von Bombenangriffen der Alliierten. „Und das wurde dann perfide als Sozialpolitik verkauft“, ergänzt Balcar. Der legalisierte Raub sei zur Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit des Regimes geworden.

In Bremen kam neben dem Besitz bremischer Juden auch der Hausrat deportierter Juden aus anderen Staaten unter den Hammer. Über 5988 Schiffsladungen mit mehr als 45000 Kubikmetern Mobiliar landeten bis 1944 aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden im Gau Weser-Ems und letztlich im „Haus des Reichs“. Im bremischen Haushalt stiegen die „Einnahmen aus dem beschlagnahmte volks- und staatsfeindlichen Vermögen“ sprunghaft an – von 15000 Reichsmark im Jahr 1941 auf 185000 Reichsmark im Jahr 1942.

Die Ausstellung zeichnet unter anderem das Schicksal der Bremerin Selma Beverstein, geborene Rothschild, nach, die von Nachbarn denunziert, vom Staat beraubt, nach Theresienstadt deportiert und letztlich in Auschwitz ermordet wurde. Auch zeigt die Präsentation eine Kofferschreibmaschine der Marke „Erika“, die von der Finanzverwaltung beschlagnahmt und bis in die 50er Jahre hinein benutzt wurde. „Die Finanzbehörde hat eine aktive Rolle beim staatlichen Terror gespielt“, sagte Balcar. „Und viele Finanzbeamte haben eine persönliche Schuld auf sich geladen.“

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