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Auslegungssache? Tag der Gutachter beim Latzel-Prozess

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Von: Ralf Sussek

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Pastor Olaf Latzel im Gericht.
Pastor Olaf Latzel im Gericht. © Sussek

Der zweite Verhandlungstag im Berufungsprozess gegen Pastor Olaf Latzel am Freitag stand ganz im Zeichen zweier Gutachten. Das Gericht hörte zwei theologische Sachverständige mit unterschiedlichen Ansätzen.

Bremen - Fortsetzung im Berufsprozess gegen Pastor Olaf Latzel: Zwei verschiedene Sachverständige sind am Freitag gehört worden. Wie ein Gerichtssprecher es formulierte: auf der einen Seite der konservative Wiener Universitätsprofessor Ludger Schwienhorst-Schönberger, auf der anderen Seite (und am anderen Ende des theologischen Spektrums) die liberale Bochumer Professorin für Praktische Theologie, Isolde Karle.

Das Gericht hatte die Gutachten in Auftrag gegeben, um einen Eindruck zu gewinnen, ob die Aussagen Latzels zu Homosexualität und Gender-Theorie theologisch fundiert sind oder lediglich seine persönliche Meinung wiedergeben.

Dem heute 54-jährigen Theologen wird vorgeworfen, in einem Eheseminar unter anderem erklärt zu haben, Homosexualität sei eine „Degenerationsform von Gesellschaft“ und „überall laufen die Verbrecher rum vom Christopher Street Day“ (Aussagen verkürzt). Eine Audiodatei des Seminars war sechs Monate später von einem Mitarbeiter ins Internet gestellt worden. Schon nach wenigen Tagen wurde die Datei aus dem Netz genommen und Latzel bat um Entschuldigung für die zum Teil missverständlichen Äußerungen. Für diese Passagen war er im November 2020 vom Bremer Amtsgericht wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen á 90 Euro verurteilt worden.

Latzel-Prozess: Befangenheitsantrag gegen Gutachterin

Während Prof. Dr. Georg Essen vom Zentralinstitut für Katholische Theologie in Berlin die Bestellung der Gutachter auf Twitter als „absurdes Theater“ kritisierte, erklärte Karle noch vor dem Prozess, mit ihrer Arbeit ein Signal an die Öffentlichkeit senden zu wollen: „Biblisch ist nicht gleich homophob und genderfeindlich“, schrieb sie zurück. Diese von ihr beabsichtigte Signalwirkung verkehrte sich vor der Strafkammer 51 des Bremer Landgerichts ins Gegenteil: Latzels Verteidiger Dr. Sascha Böttner stellte, nachdem die Theologin ihr Gutachten erstattet hatte, gegen sie einen Befangenheitsantrag. Die Begründung: Die Sachverständige habe unzulässige persönliche Wertungen und insbesondere Rechtsausführungen getätigt – die müssen aber dem Gericht vorbehalten bleiben. Sie verlangte berufsrechtliche Konsequenzen für Latzel, erklärte, er führe einen „Feldzug gegen die Homosexualität“ und bediene sich einer extrem aufstachelnden Kommunikationsform. Vorwürfe, die zutreffen mögen oder nicht – in einem Gutachten haben sie nichts zu suchen.

Die Professorin leitet seit 2015 das Institut für Religion und Gesellschaft an der Ruhr-Universität Bochum, in dem, wie es auf der Webseite heißt, „Forschungsfragen so lebensnah wie möglich von der Gegenwart ausgehen“. Genau dies tat Karle an diesem Nachmittag auch in Bremen. Sie resümierte, Latzel habe in Widerspruch zu seinem seelsorgerischen Auftrag gehandelt, seine Aussagen seien „wissenschaftlich, berufsethisch und christlich“ nicht vertretbar. Engagiert trat sie auf – bis die Verteidigung sie und ihr Gutachten in die Mangel nahm.

Sachverständiger: Bibel betrachtet Homosexualität als Sünde

Das hatte der andere Sachverständige nicht zu befürchten. Schwienhorst-Schönberger stützte Latzels theologische Ansichten, verwies aber darauf, dass es auch andere Auslegungen der Bibel gibt. Er stellte fest, dass die Bibel die Homosexualität als Sünde betrachtet, stellte aber auch gleich die Frage: „Wie sollen wir damit umgehen?“ Wer dem Professor zuhörte, hatte keinen Zweifel daran, wo er theologisch steht, dass er der Bibelauslegung Latzels zuneigt, aber er leitete diese Exegese auch – meistens – nachvollziehbar her. Er wies auf die Methode der Abgrenzung hin, die nicht nur bei Latzel, sondern schon in der Bibel beim Volk Israel zur Anwendung kommt, stellte den Unterschied zur Ausgrenzung dar, bezeichnete die Ehe als biblisch einzigen Ort sexueller Interaktion. Ganz im Sinne Latzels. „Von der Sache her hat all das eine gute biblische Grundlage“, so der Theologe, kritisierte aber den scharfen Ton des Pastors. Die Irritationen und Provokationen seien aber verständlich, „weil die Aussagen aus dem Kontext genommen worden sind“.

Der Prozess wird am Montag mit den Plädoyers fortgesetzt. Dann befindet das Gericht auch über den Befangenheitsantrag der Verteidigung.

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