Archäologische Grabungen geben Einblicke in die Geschichte der Neustadt

Karpfen, Butt und Rokokogärten

Mit einem Handfeger entfernt Carla Martinez von der Grabungsfirma Archaeofirm Sand und Staub von Uferbefestigungen aus dem 17. Jahrhundert, die auf der „Weserhöfe“-Baustelle im Bereich von Grünen- und Häschenstraße in der Neustadt freigelegt worden sind. Foto: KUZAJ

Bremen - Von Thomas Kuzaj. „Hier ist nie gegraben worden“, sagt Dr. Dieter Bischop, bei der Landesarchäologie zuständig für die Stadt. Hier, das ist in der Neustadt. Sie ist archäologisch weniger erforscht als andere Teile Bremens – ganz zu schweigen von der Altstadt gleich nebenan. Nun aber steht Bischop mit einem Team der Grabungsfirma Archaeofirm in einer Baugrube im Bereich von Grünen- und Häschenstraße in Sichtweite der Kleinen Weser, direkt an der Straße am Deich.

Die Projektentwicklungsgesellschaft Justus Grosse baut hier, auf dem früheren Mondelez-Areal, die „Weserhöfe“. 266 Wohnungen werden es, sagt Simon Rott, der bei Justus Grosse das Projekt leitet. Eigentumswohnungen sind ebenso dabei wie Sozialwohnungen. Das Unternehmen investiert etwa 80 Millionen Euro, so Rott. Ende 2022, Anfang 2023 sollen die „Weserhöfe“ fertig sein, heißt es.

Doch zunächst einmal stehen jene Menschen im Fokus, die vor Jahrhunderten hier gelebt haben. Es geht um die frühe Geschichte der Bremer Neustadt. Zum besseren Schutz der Altstadt – vor allem: der Weserseite der Altstadt – war die Neustadt im 17. Jahrhundert angelegt worden. Besiedelt war sie zunächst eher spärlich, weite Teile blieben bis ins 19. Jahrhundert hinein Gartenland.

Dort aber, wo die Archäologen gegenwärtig graben, da war durchaus etwas los – allein schon wegen der Nähe zum Teerhof, zu den Hafenanlagen, zur Altstadt. Unter anderem seien Pflanzgruben freigelegt worden, sagt Bischop: „Rokokogärten.“

Zudem stießen die Archäologen auf Uferbefestigungen aus dem 17. Jahrhundert. Und auf eine hölzerne Wasserleitung. Sie ist noch nicht datiert worden und kommt nun zur dendrochronologischen Untersuchung zum Deutschen Archäologischen Institut nach Berlin. Dort wird das Alter durch eine Analyse der Jahresringe im Holz bestimmt.

Auf das 17. Jahrhundert wiederum verweisen – wie die Uferbefestigung – Fischknochen, von denen die Archäologen in der „Weserhöfe“-Grube eine recht reichhaltige Auswahl gefunden haben. „Scholle, Butt, Karpfen“, zählt Bischop einige Beispiele auf. Auch Austern sind aus der Vergangenheit aufgetaucht. Die Funde weisen womöglich in die Zeit vor der Errichtung der Neustadt. In der Nähe der Baugrube – nämlich: neben dem Teerhof – lag einst eine Weserinsel mit dem schönen Namen „Herrn Alands Werder“; sie ist im 17. Jahrhundert bei der Anlage der Neustadt verschwunden. „Sie war im Besitz des Fischeramtes“, so Bischop.

Und einige dieser Tage in der „Weserhöfe“-Grube geborgene mittelalterliche Tonscherben könnten mit einem Dorf mit dem Namen „Ledense“ zusammenhängen, das ursprünglich auf dem Gebiet der späteren Neustadt gelegen hat. Es ist – zuspitzend formuliert – so eine Art bremisches Atlantis, die ganz genaue Lage von „Ledense“ ist unbekannt. Der Name taucht im 14. Jahrhundert auf; schon im 9. Jahrhundert aber wurde ein „Liudwineshusun“ genannt, heißt es im „Großen Bremen-Lexikon“ des Historikers Herbert Schwarzwälder (1919 bis 2011).

Auch Zeugnisse wesentlich späterer Zeiten kamen in der Neustädter Baugrube ans Licht. Als die Rokokogärten endgültig verblüht waren, eroberten Handwerker das Areal; jetzt werden ihre Hinterlassenschaften ausgegraben. Mit ihren Betrieben und Speichern schufen die Handwerker eine Struktur, die bis heute in Teilen der Neustadt nachwirkt. Ach, ja – auch eine Flasche „Kaiserbier“ (leer) haben die Archäologen gefunden. Die Kaiserbrauerei am Neustadtsdeich war anno 1873 der Ursprung der Brauerei „Beck & Co.“.

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