Archäologen entdecken Überreste eines Packhauses aus dem 17. Jahrhundert

Pausbäckige Engelsköpfe

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Dr. Dieter Bischop, bei der Landesarchäologie zuständig für die Stadt, zeigt eine der frühesten Fotografien von der Wichelnburg mit ihren Packhäusern aus dem Jahr 1866. Im Hintergrund die aktuelle Grabungsstelle im Faulenquartier. Fotos (3): Reineking

Bremen - Von Viviane Reineking. „Man kann nicht alles erhalten, das Leben geht eben weiter.“ Ein Schulterzucken, auch Bedauern schwingt mit in der Stimme von Dr. Dieter Bischop, als der Stadtarchäologe gestern am Rand der etwa dreieinhalb Meter tiefen Grube steht. Seit drei Wochen legt eine Spezialfirma hier Bremer Geschichte des 17. Jahrhunderts frei: Mauern eines der ersten Packhäuser, das durch eine gewaltige Detonation im Zeiten Weltkrieg zerstört wurde.

Die Tage der alten Schule im Stephaniviertel sind gezählt, schon in der nächsten Woche rollen die Abrissbagger an. In Sichtweite zur Stephanikirche direkt an der Weser soll auf dem Areal ein neues Wohnquartier mit fünf Gebäuden in der Form moderner Packhäuser entstehen (wir berichteten).

Genau dort, wo das erste Haus mit einem Teil einer großen Tiefgarage gebaut werden soll, lässt die Landesarchäologie derzeit die Mauern zweier Packhäuser freilegen, eines davon aus dem 17. Jahrhundert.

Blick in die Grabungsstelle direkt neben der alten Sporthalle der Stephani-Schule, die nun abgerissen wird.

Der Grabungsausschnitt vermittelt den Archäologen eine Vorstellung davon, was sich hier im Boden befindet. Und ist eine Momentaufnahme der gewaltigen Zerstörung, die Bomben 1944 und 1945 im Stephaniviertel angerichtet haben. Wie die 5,5 Tonnen schwere Erdbebenbombe, die das nun freigelegte Packhaus samt Nachbarschaft zerstört hat. „Die auch ‚Tallboys‘ genannten Bomben richteten auch an Fundamenten weitreichende Schäden an und dienten dazu, Bunker und Brücken zu zerstören“, so der bei der Landesarchäologie für die Stadt zuständige Bischop.

Eigentlich, so der Experte, hätte die Bombe die letztlich vor 72 Jahren zerstörte Adolf-Hitler-Brücke, den Vorgänger der heutigen Stephanibrücke, treffen sollen. Alte Luftaufnahmen zeigen den rund 30 Meter großen und acht Meter tiefen Bombenkrater aber dort, wo das etwa 400 Jahre alte Lagerhaus stand. Die freigelegte Außenmauer des mittelalterlichen Gebäudes sackt in Richtung Bombentrichter zur Weser deutlich ab.

Im Inneren haben die Experten weitere Funde gemacht, so etwa Fußbodenplatten aus Solling-Sandstein und Eisenringe von großen Fässern. Und mehrere Sandsteinelemente, etwa ein Teil einer Torwange aus Obernkirchener Sandstein, auch Bremer Stein genannt, die pausbäckige Engelsköpfe der Weserrenaissance zeigt. Das Relief solle, so Bischop im neuen Quartier wieder aufgestellt werden – als Erinnerung an die Wichelnburg.

Eine Torwange aus Oberkirchener Sandstein mit einem Engelskopf der Weserrenaissance.

In diesem zur Weser hin gelegenen Teil des Stephaniviertels wurde 1524 eine hölzerne Barriere gegen Angriffe von der Flusseite errichtet. Genutzt wurde dafür meist Weidenholz. Wicheln bedeutet Weiden, daher der Name Wichelnburg. Hier wohnten vor allem Fischer und Schiffer. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Steinmauer bis in diesen Bereich gezogen, die ersten Packhäuser entstanden. Gelagert wurden hier Fisch, Getreide, Holz und Tabak. Bis zum zweiten Weltkrieg prägten sie den Blick von der Weser her.

Auch Töpferofen konnten nun betrieben werden. Überreste eines solchen aus dem späten Mittelalter haben Bischop und sein Team ebenfalls gefunden, sie aber sind bereits wieder unter einem großen Erdhaufen verschwunden.

Mit den anstehenden Abrissarbeiten werde, so der Archäologe, hoffentlich nicht genau an der Grabungsstelle begonnen. „Dann bleibt uns hier noch ein bisschen mehr Zeit.“ Schon bald aber weichen die steinernen Packhaus-Überreste der neuen Tiefgarage. Dann müssen sich die Archäologen sich den Platz mit den Baggern teilen.

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