Anruf mit unerwünschten Folgen

Studie: Pflegeheimbewohner kommen zu oft ins Krankenhaus

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Mit dem Rettungswagen werden Pflegeheimbewohner häufig in Notaufnahmen von Krankenhäusern transportiert. „Viel zu häufig“, besagt eine jetzt vorgelegte Studie von Gesundheitswissenschaftlern aus Oldenburg und Bremen.

Pflegeheimbewohner werden nach einer Studie von Versorgungsforschern zu häufig in Notaufnahmen und Krankenhäusern behandelt. Das geschehe in Deutschland häufiger als im internationalen Vergleich, sagte der Mediziner Guido Schmiemann vom Bremer Institut für Public Health und Pflegeforschung.

Bremen – Der Grund dafür sei oft ein strukturelles Problem. Der Wissenschaftler warnte, Krankenhausaufenthalte könnten unerwünschte Folgen für die Betroffenen haben. Dazu gehörten Infektionen oder steigende Verwirrtheit.

Schmiemann ist an der seit drei Jahren laufenden und von der Fakultät Medizin und Gesundheitswissenschaften der Uni Oldenburg geleiteten Studie „Homern“ beteiligt, was für „Hospitalisierung und Notaufnahmebesuche von Pflegeheimbewohnern“ steht. Um Daten zu erheben, wurden von Schmiemann und seiner Mitarbeiterin Alexandra Pulst den Angaben zufolge mehr als 800 Pflegeheimbewohner in 14 Einrichtungen erfasst. Die Hälfte von ihnen sei dement gewesen, ein Viertel mehr 90 Jahre alt, hieß es.

Ein höheres Risiko für ungeplante Behandlungen in Krankenhäusern haben Schmiemann zufolge Männer sowie Bewohner mit einem höheren Pflegegrad. Darüberhinaus beeinflussten Ängste vor rechtlichen Konsequenzen die Entscheidung zum Krankenhaustransfer. „Häufig haben Pflegekräfte ohne Einbeziehung von Ärzten die Entscheidung getroffen“, sagte der Wissenschaftler. Die häufigsten Gründe für den Anruf beim Rettungsdienst seien Stürze, Unfälle, Verschlechterungen des Allgemeinzustands und neurologische Auffälligkeiten gewesen.

Im Verlauf der Befragungen stieß Schmiemann auf ein strukturelles Problem: „Der Pflegedienst ruft die 112. Der Disponent, der den Anruf entgegennimmt, haftet persönlich für seine Entscheidung, also wird er im Zweifel eher einen Rettungswagen alarmieren. Der wird für Leerfahrten in den meisten Regionen nicht bezahlt, also nimmt er im Zweifel den Bewohner des Pflegeheims mit. Das ist ein Automatismus. Wir müssen Wege finden, wie wir da herauskommen.“

Das zweite Grundproblem seien Mängel in der Kommunikation. Heim und Ärzte arbeiteten oft nicht strukturiert zusammen. In der Hälfte der Fälle wurde die Arztpraxis gar nicht informiert, wenn ein Patient Symptome aufweist. „Es wäre hilfreich, wenn Praxis und Heim dieselben Informationen hätten. Die gleiche Akte, den gleichen Medikamentenplan“, sagte der Forscher.

Eine Stärkung der Pflegekräfte, eine Verbesserung struktureller Rahmenbedingungen und eine verstärkte Kommunikation und Kooperation zwischen den beteiligten Akteuren könne die Zahl vermeidbarer Krankenhaustransporte aus Pflegeheimen verringern, hieß es.  

epd

Das Projekt „Homern“ 

Falk Hoffmann, Professor am Department für Versorgungsforschung an der Fakultät Medizin und Gesundheitswissenschaften der Uni Oldenburg, leitet das Projekt „Homern“. Das Institut für Public Health und Pflegeforschung der Uni Bremen hat ein Teilprojekt übernommen. Für eine umfassende Betrachtung der Problematik wurden Daten von Pflegeheimbewohnern ausgewertet, die bei der AOK Bremen/Bremerhaven versichert sind, und Befragungen von Hausärzten, Pflege- und Rettungskräften durchgeführt. Außerdem wurden über ein Jahr Krankenhaustransporte aus 14 Pflegeeinrichtungen in der Metropolregion Nordwest erfasst und analysiert. Der Gemeinsame Bundesausschuss, das oberste Beschlussgremium der Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland, fördert das Forschungsvorhaben mit 500 000 Euro. Das Geld kommt aus dem Innovationsfonds für Versorgungsforschung.

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