Angeklagte im Beluga-Prozess räumen Vorwürfe ein

Kreativer Kapitän

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Niels Stolberg (l.) vor dem Verlesen seiner Erklärung. Neben ihm einer seiner Verteidiger, Dr. Bernd Groß.

Bremen - Von Ralf Sussek. Im Prozess gegen den ehemaligen Reeder Niels Stolberg und drei seiner Mitarbeiter wegen Betrugs, Kreditbetrugs, Untreue und Vorlage unrichtiger Bilanzen haben die Angeklagten gestern die Tatvorwürfe im wesentlichen gestanden. Stolberg übernahm für die – eingeräumten – Transaktionen die Verantwortung: „Ich stand als Kapitän auf der Brücke bei Beluga.“

Wie konnte es zum Zusammenbruch der Beluga-Reederei kommen? Gab es ein „System Beluga“, das das Unternehmen durch Finanztricks nicht nur am Leben hielt, sondern zum Wachsen brachte? In etwa so schildert es gestern einer der Mitangeklagten Stolbergs. Oder drohte die „Beluga-Familie“ auseinanderzubrechen und sollte durch eine „Reihe von falschen Entscheidungen“ (Stolberg) gerettet werden?

Der 55-jährige Gründer der zerschlagenen Beluga-Reederei nutzt die Gelegenheit, nicht nur zu der Anklage Stellung zu nehmen. Der Kunstliebhaber malt ein Bild von einem Weltunternehmen, das er innerhalb von 15 Jahren mit einem Kompagnon aus dem Nichts aufbaute. 1995 wurde die Beluga Shipping GmbH gegründet. Das erste Büro auf dem Teerhof? Eine Zweizimmerwohnung. Angestellte? „Hatten wir nicht.“ Zwei Jahre später wurde das erste Schiff für dreieinhalb Millionen US-Dollar gekauft. „Zehn Jahre lang ging es steil bergauf“, sagt Stolberg. Als sein Partner 2006 ausstieg, begann die erfolgreichste Zeit von Beluga – und gleichzeitig die Zeit, in der es finanziell enger wurde.

Stolberg lässt keinen Zweifel daran, dass das Projekt Beluga eine Herzensangelegenheit war. „Ich wollte innovative Wege gehen.“ Ein Angebot, das Unternehmen, „für das ich fast rund um die Uhr arbeitete“, für 600 Millionen Dollar zu verkaufen, lehnte er ab. Stolberg beschwört den „starken Zusammenhalt“ unter den Mitarbeitern, betont die vielen sozialen Projekte, die er sponserte – zum Beispiel ein Dorf für Waisen nach dem Tsunami 2004 in Thailand.

Dennoch: „Das rasante und starke Wachstum war nicht nur positiv“, blickt Stolberg zurück. Der „Beluga-Spirit“ ging immer mehr verloren. So wie manchmal auch der Überblick, das Händchen für die richtigen Entscheidungen. „Es hätte viele Möglichkeiten gegeben“, sagt der 55-Jährige in der Rückschau. Die, die er wählte, fühlt er rechtlich zum Teil falsch beurteilt.

Dass Beluga in den Kreditanträgen bei Banken millionenschwere Provisionszahlungen an die baubetreuende niederländische Werft Volharding auswies, diese Zahlungen aber größtenteils wieder an Beluga zurückflossen, ist für die Anklage Kreditbetrug, für Stolberg ist es die „kreative Darstellung von Eigenkapital“. Durchaus üblich in der Schiffsbranche, so habe es sein Steuerberater dargestellt, und bei den Banken ebenfalls meist bekannt, so Stolberg vor Gericht. Zumal die Provisionen ins Unternehmen zurückflossen, als Eigenkapital für die nächste EinschiffsKG. „Ich habe alle Gelder immer reinvestiert“, sagt Stolberg, er habe „keine Goldbarren im Keller gestapelt“. Wegen des höheren Werts der Schiffe habe den Banken gar kein Schaden entstehen können, so Stolberg – darauf kommt es beim Kreditbetrug aber auch nicht an.

Beim Einstieg von Oaktree waren zudem erhebliche Scheinumsätze verbucht worden. Drei Briefkastenfirmen in Panama zahlten die von Beluga ausgestellten Scheinrechnungen. Das Geld stammte aus der „privaten“ Stolberg-Firma Erneste. So pumpte er Liquidität in die Beluga-Gruppe und verschaffte der Bilanz für die Verhandlungen mit Oaktree einen Mehrumsatz von 35 Millionen Euro. „Mir ist völlig klar, dass dieses Verhalten unzulässig war“, sagt Stolberg. Und überflüssig – die von einem Mitangeklagten vorgeschlagene Kapitalerhöhung wollte Stolberg vermeiden, damit die finanziellen Schwierigkeiten nicht öffentlich wurden.

Er sei überzeugt gewesen, sein Unternehmen samt Mitarbeitern zu retten, sagt Stolberg. Auch seine Mitangeklagten hatten in der Krise „Angst um Beluga“, wie Jens-Holger S. erklärt – und deshalb mitgemacht oder Stolbergs Anweisungen ausgeführt. Dass er von Oaktree gekündigt wurde, sei ein „befreiendes Ende“ gewesen, sagt er, denn „es war so ein hoher Druck bei Beluga“. Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

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