Anderthalb Jahre „Hölle“ 

31-Jähriger wegen Stalkings von homosexuellen Männern vor Gericht

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68 Straftaten werden dem Angeklagten zur Last gelegt. Über Rechtsanwältin Daniela Post ließ er erklären, dass beinahe alle Vorwürfe zutreffend seien. 

Bremen - Sie kannten ihren Peiniger lange Zeit nicht, wussten nicht, wer hinter den Hasskommentaren steckte, wer sie öffentlich beleidigte und Todesanzeigen von ihnen aufgab. Sie wussten nur eins: Sie waren homosexuell – und ihr Verfolger hatte damit ein wahnsinniges Problem. Seit Mittwoch muss sich ein 31-Jähriger vor dem Amtsgericht Bremen verantworten. Ihm werden insgesamt 68 Straftaten zur Last gelegt.

Max ist 17 Jahre alt, als alles beginnt. Er bekommt geheimnisvolle Nachrichten. Nachrichten, die sein Schwulsein betreffen und ihn beleidigen. Der bis dahin noch Unbekannte droht dem Schüler, er werde seine Sexualität öffentlich machen und Flugblätter verteilen. Er bestellt im Internet Essen und lässt es an Max´ Adresse schicken, er manipuliert das Handy des 17-Jährigen. Innerhalb weniger Monate erhält Max tausende Nachrichten. Er wird bedroht – auch, weil der Unbekannte in sozialen Netzwerken Geld bietet, wenn jemand dem Schüler „in die Fresse hauen“ werde. Der Schule, die Max besucht, schickt er einen Trauerkranz, dem Landeskriminalamt gegenüber behauptet er, Max besitze Kinderpornos. Lange Zeit passiert nichts. Drei weitere Opfer sucht sich der Täter in den nächsten Monaten. Insgesamt anderthalb Jahre lang geht das so.

Bis alles auffliegt. Doch nicht wegen der Nachstellungen, so der juristische Fachausdruck, kommen Ermittler dem nun angeklagten 31-Jährigen auf die Spur. Es sind 58 Straftaten, zumeist Internetbetrug, die dem Mann zum Verhängnis werden. Über Verkaufsplattformen bietet der Angeklagte Fußball- und Konzerttickets an, kassiert das Geld – doch die Ware sendet er nie ab.

Knapp 12.000 Euro Gesamtschaden entstehen dadurch. Der Angeklagte räumte am Mittwoch beinahe alle Betrugsvorwürfe ein. An einige könne er sich heute nicht mehr erinnern. Doch den Großteil gab er zu. Auch die Nachstellungen gegenüber seinen homosexuellen Opfern gestand er. Eine wirkliche Erklärung blieb er dem Gericht jedoch schuldig.

Zufällig über Dating-Apps kennengelernt, macht er Max und den drei anderen jungen Männern das Leben „zur Hölle“, wie die Vorsitzende Richterin Cosima Freter sagte. „Warum taten Sie das? Warum über einen so langen Zeitraum?“

Der Angeklagte hatte dafür keine Erklärung und sagte: „Ich dachte, wenn andere Menschen leiden, wird mein Leid gelindert.“ Welches Leid er erfahren habe, darüber wolle er zunächst nicht sprechen. Womöglich, das deutete der 31-Jährige an, habe er traumatische Erfahrungen im Gefängnis gemacht. Dort saß er bereits wegen vorangegangener Betrugstaten.

Zehn Straftaten listete die Staatsanwältin allein in Bezug auf die vier Männer auf – unter anderem Nachstellung, Bedrohung, Beleidigung, Nötigung, Volksverhetzung, falsche Verdächtigung und Verleumdung. Weitere 58 Anklagepunkte beziehen sich auf gewerbsmäßigen Betrug, Urkundenfälschung und Fälschung beweiserheblicher Daten sowie Missbrauch von Notrufen.

Im Juni und Juli 2016, auch das gab der Angeklagte zu, hatte er angebliche Brände bei der Feuerwehr gemeldet und Bombendrohungen verschickt – alles über die Mobilnummer seines 17-jährigen Opfers Max.

Der Prozess, für den eigentlich bis Ende März elf weitere Verhandlungstage angesetzt waren, könnte nun doch nochmal neu aufgerollt werden. Da die Unterbringung des Mannes in einer forensischen Klinik droht, muss das Verfahren womöglich am Landgericht verhandelt werden. Nur dort darf eine Unterbringung für Erwachsene angeordnet werden, sagte Dierk Gerl, Sprecher des Amtsgerichts. So oder so müssten sich alle Verfahrensbeteiligten auf ein „umfangreiches Beweisprogramm“ einstellen. Allein zwei Umzugskartons voller Prozessakten gilt es abzuarbeiten.

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