Wandel der Musikschau zur Versöhnung über Grenzen

„Die Musikschau trug zur Versöhnung über Grenzen bei“, sagt Altbürgermeister Hans Koschnick. Das habe sich bis heute nicht geändert. Verändert hat sich allerdings die Kulisse. Die Kurven der 6-Tage-Rennbahn der ersten Musikschau-Veranstaltungen sind verschwunden. Ende 1970 hatte man noch eine Kurve der Bahn mit einer Häuserfassade samt Tor verschönert, durch die die Orchester in die Halle marschierten. Später wechselte das Bühnenbild dann ohne Kurve zum Kreuzfahrtschiff, zum Ferienflieger, zum Brandenburger Tor bis hin zur jetzigen Fassade des Bremer Rathauses.

Bremen - Von Heinrich Kracke. Es war die erste große Veranstaltungshalle des Nordens, es war die erste große Kostenexplosion der Republik, und es war die erste große Bewährungsprobe für den späteren Bürgermeister.

Aber vor exakt 50 Jahren waren die Drahtseilakte um Finanzierung, Ausstattung und turbulenten Debatten mit einem Mal vom Tisch, genaugenommen Anfang November. Bremen feierte die Einweihung der Stadthalle. Und Bremen strömte zur Bürgerweide, und nicht nur Bremen. „Das hat mich ganz besonders bewegt,“ sagt Hans Koschnick ein halbes Jahrhundert später.

Altbürgermeister Hans Koschnick

Er könnte Holiday on Ice nennen, das schon im November 1964 erstmals im Monumentalbau unweit des Bahnhofs über die Bühne ging, er könnte auch das Pferdespektakel nennen, das in einer reitsportverrückten Region Massenwanderungen auslöste, aber ihm genügen die beiden anderen Traditionsveranstaltungen, die damals das überschaubare Jahresprogramm der Stadthalle bildeten. Das heißt, wenn Hans Koschnick in seinem Büro im Rathaus vorbeischaut, und sich um dieses und jenes kümmert, und sie ihm wie immer den extrastarken Kaffee bereitgestellt haben und er sich der vielen Ereignisse unter dem futuristischen Dach mit der atemberaubenden Hängeseilkonstruktion erinnert, dann genügt ihm eigentlich nur eine Veranstaltung. Nein, nicht das Sechs-Tage-Rennen, es genügt die Musikschau der Nationen.

Als jemand, der fast alle Programme mit allen Musiktiteln gehört hat, mal laut, mal weniger laut, mal leise, hat er gelernt, auch auf Zwischentöne zu hören und sie zu bewerten. „Angefangen hat's mit Militärmusik, das muss man sagen, das kam in den 60er Jahren gut an,“ sagt Hans Koschnick. Bei der Musik von Militärkapellen ist es weitgehend geblieben, aber die Interpreten sind andere, und die Titel auch. „Es war mir ein Anliegen, dass der Volksbund Kriegsgräberfürsorge Gehör findet. Es ist ihm gelungen, der Musikschau eine völlig neue Wirkung zu verleihen,“ sagt der Alt-Bürgermeister, „heute blasen die Kapellen nicht zum Marsch, heute tragen sie bei zur Verbindung über Grenzen hinweg.“ Längst seien bunte Kapellen und Volkstanzgruppen aus allen Teilen der Welt an der Bürgerweide zu Gast, das heißt, man habe die Enge nationaler Grenzen, man habe sogar die Enge europäischer Grenzen übersprungen. Das sei ein wichtiges Signal, jetzt, da des ersten Weltkriegs vor hundert Jahren gedacht werde, und dessen Auslöser.

„Da haben die Programmmacher der Stadthalle einiges bewegt,“ sagt Koschnick. Und das nicht nur beim Thema Völkerverständigung. Von Anfang an sei dieses erste Veranstaltungszentrum des Nordens Bindeglied für eine ganze Region gewesen. „Ich will den Hamburgern nicht zu nahe treten, sie haben ebenfalls Akzente gesetzt, deshalb sage ich in natürlicher hanseatischer Bescheidenheit, sie hat Akzente im Weser-Ems-Raum gesetzt. Aber es war schon so: die Menschen strömten aus Bremen und aus dem Umland, das habe ich mit bestimmter Freude zur Kenntnis genommen.“

Er, der ursprünglich als Sportamtsleiter zu den größten Gegnern der Stadthalle gehörte und später auf Geheiß der SPD-Fraktion die Kostenexplosion von zunächst 9 auf letztlich 30 Millionen Mark zu erklären hatte und für die Freigabe der 21 Millionen Mark kämpfte, er habe längst seinen Frieden mit dem Monumentalbau geschlossen. „Die Diskussion um die Mehrkosten endete fix. Wenn wir die Stadthalle schon mal haben, dann wollen wir sie nutzen, lautete die Losung.“ Das futuristische Gebäude mit seiner schräg aufgestellten Glasfassade sei schnell zum Sinnbild des neuen Bremens nach dem Krieg emporgestiegen, sagt Hans Koschnick.

Und über die Hauptkritik von einst, könne er auch hinwegsehen. Darüber, dass die Opposition damals schon bemängelte, die Halle werde die laufenden Kosten nicht einspielen. „Veranstaltungsorte wie diese werden kaum zu hundert Prozent durch Eintrittskarten oder Getränkeverkauf zu finanzieren sein, das war von Anfang an klar, aber Veranstaltungsorte wie diese sind immer auch ein wichtiges Stück Stadtmarketing, das darf man nie vergessen. Deshalb sind Zuschüsse gerechtfertigt.“ Er, Koschnick, könne die jetzigen Betreiber, die Wirtschaftsförderung Bremen, nur ermutigen, beispielsweise zum 50. Geburtstag der Halle nicht nur eine offizielle Feierstunde durchzuführen, sondern auch ein Jubiläumsprogramm für die Bevölkerung auf die Beine zu stellen. „Das ist ideales Bremen-Marketing.“

Andererseits sehe er die Kostenproblematik durchaus, sagt Koschnick. Auch wenn er die Sixdays weiterhin als Sechs-Tage-Rennen bezeichnet, vermag er anderen neuen Namen durchaus einiges abgewinnen. Den Bezeichnungen für die Stadthalle zum Beispiel. Sie hieß vier Jahre lang AWD-Dome, nannte sich zwei Jahre lang Bremen-Arena und heißt seit 2011 ÖVB-Arena. „Wenn eine Umbenennung dazu beiträgt, dass die ganze Halle wirtschaftlicher zu betreiben ist, dann ist das wichtiger als die Gefühlslage.“ Für ihn sei es die Stadthalle geblieben.

Und selbst jene Veranstaltung, die er einst bekämpfe, „Sechstagerennen sind keine Sportart für Bremen“ hatte er gesagt, und vor allem damit seine Ablehnung des Hallenneubaus begründet, hat inzwischen seine Gnade gefunden. „Manchmal liegt das Hauptinteresse vielleicht neben dem Rad, aber dann geht es doch um den Sport. Vor allem Andy Kappes hat hier als Lokalmatador Schrittmacherdienste geleistet.“

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