„Als wäre es gestern gewesen“

Gladbecker Geiseldrama: Bremer Gedenkort noch in diesem Jahr

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August 1988 – in Huckelriede kapern die Geiselnehmer einen Linienbus der Bremer Straßenbahn AG. Bremen bereitet nun einen Gedenkort vor, der noch in diesem Jahr in Huckelriede eingeweiht werden soll.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Bremen schafft in Huckelriede einen Gedenkort für die Opfer des Geiseldramas von Gladbeck und Bremen. „Wir wollen ihn noch in diesem Jahr einweihen“, sagt Senatssprecher André Städler. Vor 30 Jahren hatten die Geiselnehmer Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner in Huckelriede einen Linienbus mit mehr als 30 Passagieren entführt.

Polizei und Journalisten, die jegliche Grenzen überschritten, verfolgten die Geiselnehmer. Am Ende waren drei Menschen tot: Der 14-jährige Emanuele de Giorgi und die 18-jährige Silke Bischoff starben durch Schüsse der Geiselnehmer. Der Bremer Polizist Ingo Hagen kam auf dem Weg zum Einsatz bei einem Unfall ums Leben.

In die Gestaltung des Gedenkorts bezieht Bremen Opfer, Angehörige und Hinterbliebene ein, heißt es im Rathaus. Zwei Gestaltungsvorschläge für die Gedenkstätte seien in der Diskussion. Sie sind demnächst Thema im Beirat. Auch Professor Konrad Elmshäuser, Leiter des Staatsarchivs, ist in die Vorbereitungen einbezogen worden.

Wie der Gedenkort aussehen wird, steht also noch nicht fest. Einige Grundsätze aber gibt es bereits. „Wir werden ihn puristisch und schlicht halten“, sagt Dr. Martina Höhns, in der Senatskanzlei für interreligiöse Angelegenheiten und Erinnerungskultur zuständig. Und: „Die Täter werden nicht namentlich genannt“, so Rose Gerdts-Schiffler, Sprecherin des Innensenators. Nach dem unwürdigen Medienspektakel des Jahres 1988 soll ihnen nicht erneut eine Bühne geboten werden.

Die Einladung zu der Gedenkfeier für Emanuele de Giorgi in Italien. Foto: Kuzaj

Der im Mai durch einen interfraktionellen Entschließungsantrag von der Bürgerschaft auf den Weg gebrachte Erinnerungsort ist nicht der einzige Versuch Bremens, nach langer Zeit ein „angemessenes Gedenken“ zu organisieren. Nach einer vielbeachteten TV-Dokumentation zum Geiseldrama wurde dem Innenressort bewusst, dass es Angehörige gibt, die – so Gerdts-Schiffler – „den Wunsch haben, mit heute Verantwortlichen zu sprechen“.

Zunächst war es geplant, alle gleichzeitig zu einem Gespräch einzuladen. Aber: „Damit wären wir ihnen nicht gerecht geworden.“ So führten Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) und Polizeipräsident Lutz Müller schließlich fünf vertrauliche Gespräche mit insgesamt sieben Personen; unter ihnen auch Karin Remmers, die Mutter der getöteten Silke Bischoff.

Gerdts-Schiffler: „Das waren sehr bewegende Gespräche. Wir haben sehr viel davon mitbekommen, was das Leid, das diesen Menschen vor 30 Jahren angetan wurde, bis heute in ihrem Leben angerichtet hat. Trauer und Fassungslosigkeit prägt ihr Leben. Es war erschreckend, zu sehen, wie nach 30 Jahren so etwas noch bestimmend ist – bis in die nächste Generation hinein.“

Es habe die unterschiedlichsten Emotionen gegeben: „Wut, Bitterkeit, Tränen.“ Gerdts-Schiffler: „Das Allerwichtigste war, dass wir Zeit gefunden und zugehört haben.“ Und: „Wenn sie angefangen haben, zu schildern, wie es damals war, hatte man das Gefühl, sie erzählen von gestern.“ Verschiedentlich habe man im Zusammenhang mit den Gesprächen „Brücken zu Hilfsorganisationen“ gebaut – oder dafür gesorgt, Wünsche zu erfüllen. So wird die Mutter von Silke Bischoff demnächst von zwei Bremer Polizeibeamten zu einem Denkmal gefahren, das in Nordrhein-Westfalen an ihre Tochter erinnert.

Erinnert wird auch im süditalienischen Surbo (Region Apulien, Provinz Lecce) – an Emanuele de Giorgi, der dort begraben liegt. Über die deutsche Botschaft wird an seinem Grab am Freitag, 17. August, ein Kranz niedergelegt. Zudem hat Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) der Familie ein Kondolenzschreiben geschickt.

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Notwendig und relevant

Thomas Kuzaj

Von Thomas Kuzaj. Soll Bremen einen Erinnerungsort für die Opfer des Geiseldramas von 1988 einrichten? Eine Frage, die durchaus diskutiert wird. Auf Menschen, die das Geschehen vor 30 Jahren als Zeitzeugen oder Beteiligte miterlebt haben, mag es – angesichts der so unterschiedlichen wie weitreichenden Folgen des Verbrechens – befremdlich wirken, diese Frage überhaupt zu stellen. 

Dennoch: sie wird eben diskutiert – etwa mit Blick auf andere Gedenkorte und deren gesellschaftspolitische Relevanz. Und so kommt dann die nächste Frage – die Frage nach der Relevanz eines Geiseldrama-Gedenkorts für die Gesellschaft von heute. Und in Zukunft – salopp gesagt nach dem Motto: Interessiert das Geiseldrama von 1988 in zehn, 20 oder 30 Jahren noch jemanden? 

Das kann man fragen, gewiss. Aber ein paar Dinge sollten nicht vergessen werden. Viel wird heute geklagt über – durch digitale Medien befeuerte – Phänomene wie ungehemmte Sensationslust, ausufernde Brutalität und Behinderung von Hilfskräften. Wurzeln dieser Phänomene lassen sich im Tabubruch jener Tage im August 1988 finden, als (ausgebildete) Journalisten Grenzen überschritten, die sie nicht hätten überschreiten dürfen. Das führte in der Branche anschließend zu großer Selbstkritik. Die ungefilterte Wucht des Digitalen kam später. Wie gehen wir damit um? Antworten darauf lassen sich auch mit dem Blick auf 1988 finden. Ein Gedenkort kann Fixpunkt auch solcher Auseinandersetzungen sein – die gesellschaftliche Relevanz ist offenkundig. Und es gibt ja noch weitere Gründe, die für einen Gedenkort sprechen. 

Politik und Polizei haben damals verhängnisvolle Fehler gemacht – ganz automatisch wird auch daran erinnert werden, wenn es einen Gedenkort gibt. Das ist richtig so – und nicht zuletzt eine notwendige Geste mit Blick auf die Opfer, die Angehörigen und Hinterbliebenen. Für sie mag zudem etwas Tröstendes, etwas Versöhnliches darin liegen, dass Bremen die Erinnerung an das Geschehen von 1988 präsent halten will und das mit einem Gedenkort endlich auch zeigt. Ob und wie das in 20 oder 30 Jahren noch jemanden interessiert, ist in diesem Zusammenhang nicht relevant. Es geht ums Jetzt. Soll Bremen also einen Erinnerungsort für die Opfer des Geiseldramas von 1988 einrichten? Ja, unbedingt.

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