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Als Bremens Botanischer Garten noch am Osterdeich blühte

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Von: Thomas Kuzaj

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Das Osterdeich-Etablissement „Weserlust“ – hier eine Ansichtskarte – lag direkt am Botanischen Garten.
Das Osterdeich-Etablissement „Weserlust“ – hier eine Ansichtskarte – lag direkt am Botanischen Garten. © Archiv

Bremen – Im Blütenrausch auf die Weser blicken, während die Musik dazu spielt. . . das war zu Kaisers Zeiten möglich am Osterdeich. Es war das süße und zugleich hanseatische Leben in der „Weserlust“, einem „Etablissement“ (sprich: Ausflugslokal). Direkt nebenan lag der Botanische Garten. Beides ist heute Thema in unserer Serie „Verschwunden“.

Im Frühlingsmonat Mai war sie anno 1894 eröffnet worden, die „Weserlust“: Terrassen, Türme, Tanzsäle. Bier aus Bayern, Wein aus Frankreich, Milch von eigenen Kühen. 1911 kam eine Freilichtbühne hinzu, später auch Kegelbahnen – alles in gediegen ländlicher Lage, Hastedt war damals ja praktisch noch ein Dorf. Ab 1900 war die „Weserlust“ auch mit der Straßenbahn zu erreichen. „Petroleum-König“ Franz Ernst Schütte (1836 bis 1911), der als Mäzen so manches Mal Einfluss auf Bremens Stadtbild nahm, hatte das Ausflugslokal finanziert.

Und auch nebenan hatte er seine Finger (oder genauer: sein Geld) im Spiel. Im Jahr 1904 stellte Schütte für zunächst 25 Jahre ein 4,2 Hektar großes Areal zur Verfügung – für einen Botanischen Garten zwischen Osterdeich, Hohwisch (an dieser Stelle heute: Hamburger Straße) und Hastedter Ring (heute: Georg-Bitter-Straße).

Der Bremer Botaniker Georg Bitter pflanzt den Garten an

Georg Bitter? Das war der Botaniker, der den Garten anlegte. Bitter (1873 bis 1927) pflanzte (mit dem Schweizer Gärtner Ernst Nußbaumer); den Plan für den Garten gestaltete Carl Ohrt, Bürgerparkdirektor von 1884 bis 1908. Schütte zahlte. Zum Unterhalt des ersten Botanischen Gartens in Bremen stiftete er ein stolzes Kapital von einer Million Mark – angelegt war es in verzinsten Wertpapieren.

Bitter ordnete die Pflanzungen geographisch. Hier orientierte er sich an norddeutschen Landschaften wie Heide, Moor und Watt, dort pflanzte er Exotisches aus Mexiko, aus dem Orient, aus dem Kaukasus. Hinzu kamen botanische Themenbereiche wie beispielsweise Heilpflanzen. Bildung (für Schüler!) und Erholung (für Erwachsene!), das waren die beiden Eckpunkte, an denen der Botaniker Bitter sich am Osterdeich orientierte.

Und was soll man sagen? Die Mischung aus Botanik, Bildungserlebnis und „Weserlust“, sie florierte. Der Garten wurde weit über Bremen hinaus bekannt – auch unter Fachleuten. Erste große Schwierigkeiten aber kamen mit der Hyperinflation Anfang der 20er Jahre. Die Inflation fraß das Stiftungskapital auf. Eine Schließung drohte. 1923 übernahm die Stadt die Betriebskosten für den Botanischen Garten.

Umzug zum Bremer Rhododendronpark

Der Vertrag mit Schüttes Erben über die Nutzung des Areals lief bis 1937. So wurde Mitte der 30er Jahre beschlossen, den Garten zu verlegen – nach Horn. Die Pflanzen zogen praktisch um. Warum nach Horn? Hier wurde – mitten in der NS-Zeit – der Rhododendronpark angelegt. Im Rathaus war 1935 die Deutsche Rhododendron-Gesellschaft (DRG) gegründet worden. Der Senat stellte ein 17 Hektar großes Areal in Horn für einen Versuchsgarten zur Verfügung; ein Ziel war es, sich von Importen unabhängig machen. Der Botanische Garten kam zum Rhododendronpark, dabei ist es auch geblieben. Und die „Weserlust“? Schon zu Beginn der 30er Jahren war vielen Besuchern die Lust auf das Lokal vergangen, weil es nämlich vorbei war mit der idyllischen Ruhe am Osterdeich. Er hatte sich zu einer vielbefahrenen Fernverkehrsstraße entwickelt; Tempo 30 war noch nicht erfunden. 1938 wurde die „Weserlust“ geschlossen, jetzt war hier endgültig Schluss mit lustig: Die Wehrmacht beschlagnahmte das Gebäude.

Nach dem Zweiten Weltkrieg – 1948 – zog ein Kino in die „Weserlust“. Das ging einige Jahre gut, doch die Anlage verwilderte mehr und mehr, das Gebäude verfiel. Im Jahr 1963 schloss das Kino, im folgenden Jahr wurde die alte „Weserlust“ abgerissen. Ihr Name allerdings lebt – nur wenige Schritte entfernt – noch immer im 1914 gegründeten Kleingartenverein „Gartenfreunde Weserlust“ fort.

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