Serie „Sommermomente“

„Statt-Reisen“ zeigt Bremens Geschichte und Gegenwart

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„Statt-Reisen“-Führerin Carla Habel im Gefangenenhaus. In einer so eingerichteten Zelle verbrachte die Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried die drei Jahre vor ihrer Hinrichtung.

Bremen - Von Martin Kowalewski. Ein spannender Auftakt für eine historische Kriminalführung: „Die Geschichte Bremens beginnt mit einem Mord“, sagt Führerin Carla Habel. Damit meint sie die erste urkundliche Erwähnung der Stadt 783.

Karl der Große hatte zwei Missionare geschickt, um die Bremer zum Christentum zu konvertieren. Doch die bevorzugten den Glauben, nach dem Tod in Walhalla einzukehren. Einen der Missionare brachten die Bremer um. Karl ist als Skulptur am Bremer Dom, dem Anfangspunkt der Führung, zu finden – den Aachener Dom über sich, aber mit dem Kopf von Kaiser Wilhelm. Um die Krimiführung geht es heute in unserer Serie „Sommermomente“.

Angeboten wird die Führung „Von Totschlägern und Halsabschneidern“ vom Verein „Statt-Reisen“ Bremen. Krimithemen nehmen im Angebot des Vereins breiten Raum ein. Zum Programm gehören aber unter anderem auch Nachtwächterrundgänge, Flughafenführungen und kulinarische Touren.

Der Roland verkündet die Freiheit der Stadt

Weiter geht es zum Roland. „Der verkündet seit 600 Jahren, dass Bremen eine freie Stadt ist. Dass Karl der Große Bremen die Freistadtrechte geschenkt habe, ist aber Unsinn“, sagt Habel. Delikt zwei ist an der Reihe. Dieser Eindruck sei durch eine Urkundenfälschung des Bürgermeisters von Hemelingen erreicht worden. Dieser fälschte drei Urkunden, datiert auf 1111. 

Die beinhalten die Erlaubnis, den Roland aufzustellen, Weserzölle zu erheben und dass sich der Stadtrat mit bunten Tüchern von der Bevölkerung abheben dürfe. „90 Prozent der Urkunden aus dem Mittelalter sind allerdings Fälschungen“, sagt Habel. 250 Jahre später sei Bremen aber legal eine freie Reichsstadt geworden. „Kaiser Ferdinand verkaufte diese Würde nach dem Dreißigjährigen Krieg“, erzählt Habel. „Er legalisierte die alte Fälschung.“

Vor dem Karstadt-Kaufhaus macht die Gruppe Halt. Ein Verbrechen der jungen Vergangenheit. „1992 brannte hier das Treppenhaus, ein Millionenschaden. Davon stand nichts in den Bremer Zeitungen“, sagt Habel. „Vorher stand aber im Hamburger Abendblatt die Anzeige ,Dagobert grüßt seine Neffen‘.“

Taten des Erpressers Dagobert

Es habe sich um eine Tat des Erpressers Dagobert gehandelt, der die Polizei in ein jahrelanges Katz-und-Maus-Spiel verwickelte. „Die Bevölkerung war auf Dagoberts Seite. Er hat immer aufgepasst, dass keine Menschen zu schaden kommen“, sagt Habel. Sie erzählt von raffinierten Geldübergaben, die immer fehlschlugen, bis Dagobert in einer Telefonzelle gefasst wurde. Einfach spannend, ein Krimi ohne Morde!

Mörderisch wird es aber wieder zum Schluss. Der Rundgang führt am Spuckstein vorbei, der an Gesche Gottfried erinnert. Die Massenmörderin brachte ihre Opfer mit vergifteter Mäusebutter um. 30.000 von damals 40.000 Bremern sahen ihre Hinrichtung 1831. Im Gefangenenhaus, der letzten Station der Tour, verbrachte Gottfried drei Jahre. Eine Zelle ist im damaligen Stil hergerichtet.

Geschrieben wurde die Krimiführung von Autor Andreas Calic. Er holt sich seine Informationen aus verschiedensten Quellen. „Ich bin oft im Staatsarchiv, habe aber auch Kontakt zur Polizei. Auf eine angebotene Teilnahme an einer Obduktion habe ich aber verzichtet“, sagt Calic.

2.000 Veranstaltungen pro Jahr

„Statt-Reisen“ organisiert mittlerweile etwa 2.000 Veranstaltungen pro Jahr. Nach der Gründung im Mai 2003 ging es mit Stadtteilführungen und Überblicksrundgängen los. „Dann sind wir auf Wünsche eingegangen und haben geguckt, was in anderen Städten angeboten wird. In Münster gab es zum Beispiel Nachtwächterrundgänge. Die bieten wir seit 2007 an“, sagt Geschäftsführer Thomas Gehrmann. 

„In Bern gab es Führungen, bei denen auch Darsteller mitmachten.“ Das sei auch in der inszenierten Altstadtführung „Bremen ganz anders“ so. Dort plaudert ein „Bürgerschaftsabgeordneter“ über die hochgeschätzte Selbstständigkeit Bremens und die desolate Finanzlage, und auch ein „Zahnbrecher“ aus dem Mittelalter tritt auf, sagt Gehrmann.

Wer glaubt, Bremen zu kennen, werde in der Reihe „Bremer Unterwelten“ mit drei Führungen durch Bunker und Keller einige Überraschungen erleben, so Gehrmann weiter. „An diesen Führungen haben schon 40.000 Gäste teilgenommen.“ Dem Verein stehen 50 Führer als Honorarkräfte zur Verfügung und sechs Festangestellte.

www.stattreisen-bremen.de

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