Alles auf Anfang

Clan-Prozess wegen Angriffs auf Polizisten in Bremerhaven wird neu aufgerollt

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Lange Liste an Vorwürfen: Ramadan S. (l.) mit seinem ebenfalls angeklagten Bruder Khodor S. (r.) im Gespräch mit Rechtsanwalt Jörg Hübel.

Bremen - Von Steffen Koller. Déjà-vu im Verhandlungssaal: Nachdem der Prozess gegen mehrere Mitglieder eines Bremerhavener Familienclans wegen Angriffen auf Polizisten vor knapp einem Jahr platzte, hat am Freitag vor dem Bremer Landgericht der zweite Versuch begonnen. Er startete ähnlich, wie der erste endete: mit Beleidigungen der Angeklagten und demonstrativem Desinteresse.

Paukenschlag im Februar 2019: 13 Verhandlungstage lang hatte das Landgericht Bremen im Prozess gegen fünf Mitglieder der Familie S. Zeugen befragt, Videos und Dokumente ausgewertet und Gutachten verlesen. Dann platzte das Verfahren, weil ein Schöffe interne Informationen aus Rechtsgesprächen an Dritte weitergegeben hatte und von der Kammer als befangen befunden wurde. Die Vorwürfe aus dem Jahr 2017 stehen immer noch im Raum. Allerdings müssen statt fünf noch drei Angeklagte vor Gericht erscheinen. Und: Die Kammer hat mit einem Ersatz-Schöffen für den Fall der Fälle vorgesorgt.

Nachdem am 3. Juli 2017 der Angeklagte Khodor S. (28) zusammen mit seinem Bruder Rabie S. (35) von Polizisten im Bremerhavener Goetheviertel einer Verkehrskontrolle unterzogen wurde und weitere Familienmitglieder die Polizisten bei ihrer Arbeit störten, eskalierte die Situation, so Staatsanwalt Arne Kluger. Zunächst machte eine Schwester der Männer Videoaufnahmen der Beamten und versuchte, die Polizisten von ihrer Arbeit abzuhalten. Schnell wurde es handgreiflich: Khodor S. soll laut Anklage einem Beamten von hinten an den Arm gegriffen und dem Mann danach an den Hals geschlagen haben. Andere Mitglieder des türkisch-libanesischen Clans, unter anderem Ramadan S. (36), drohten den Beamten laut Kluger mit zerbrochenen Bierflaschen, schlugen und traten nach den Einsatzkräften. Erst als die Beamten Verstärkung anforderten und Pfefferspray einsetzten, beruhigte sich die Situation, an der zwischenzeitlich rund ein Dutzend Personen beteiligt waren.

Khodor, Rabie und Ramadan S. müssen sich in mehreren Fällen wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung, Nötigung und Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz verantworten. Denn: Neben dem Angriff auf die Beamten zählte Staatsanwalt Kluger weitere Taten aus den Jahren 2016 bis 2018 auf, die nun verhandelt werden.

Klares Zeichen: Rabie S. zeigt Medienvertretern, was er von ihrer Arbeit hält.

Zu Prozessbeginn machte keiner der Angeklagten Angaben zur Sache, die Verteidiger der Männer stellten jedoch Einlassungen ihrer Mandanten in Aussicht. „Die Kammer“, sagte Vorsitzende Richterin Gesa Kasper, sei „weiterhin offen für Gespräche“. Im ersten Prozess hatte das Gericht nach Rechtsgesprächen bereits einen groben Strafrahmen ausgehandelt. Für die nun noch drei Angeklagten standen Bewährungs- und Haftstrafen von bis zu zwei Jahren und sieben Monaten im Raum.

Die am Angriff beteiligte Schwester wurde zwischenzeitlich zu 150 Sozialstunden verurteilt, ein ebenfalls im ersten Prozess angeklagter Bruder zu neun Jahren und einem Monat Haft. Das Landgericht Stade sah es im November vergangenen Jahres als erwiesen an, dass der 37-Jährige Kopf einer Tresorknacker-Bande war, die im Raum Stade/Cuxhaven mit mehreren brutalen Überfällen für Aufsehen gesorgt hatte. Gegen ihn wurde das Bremer Verfahren eingestellt.

Ähnlich wie beim ersten Prozess fielen die Angeklagten durch Beleidigungen gegenüber Medienvertretern auf. Rabie S. zeigte am Freitag einem Kamerateam den Mittelfinger. Während der Anklageverlesung übten sich die Männer in demonstrativem Desinteresse und spielten mit ihren Handys oder taten so, als würden sie schlafen.

Bis Mitte Juli sind 19 weitere Verhandlungstage terminiert worden.

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