Interview mit Dr. Martin Claßen 

Neue Kinderklinik: Alle Spezialdisziplinen unter einem Dach

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Dr. Martin Claßen ist stolz auf die vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten in der Prof.-Hess-Kinderklinik. 

Kinder- und Jugendmedizin auf hohem Niveau bietet die Prof.-Hess-Kinderklinik am Klinikum Bremen-Mitte schon heute an. Ende des gerade begonnenen Jahres soll die Klinik in einen Neubau einziehen, in den auch die Stationen der Kinderklinik Links der Weser (LdW) integriert werden. Welche Vorteile sich für junge Patienten ergeben sollen, welche Angebote für werdende Mütter aus dem Bremer Umland gemacht werden, erklärt Chefarzt Dr. Martin Claßen im Interview.

Bundesweit herrscht Pflege- und Ärztemangel. Der Bremer Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) schlägt Alarm, weil nicht alle Betten wegen des Mangels belegt werden können – was Einnahmeeinbußen zur Folge hat. Wie sieht die Situation an der Prof.-Hess-Kinderklinik aus?

Wir haben hier ein großes und engagiertes Pflege- und Ärzteteam, das sich im neuen, großen Kinderkrankenhaus auf dem Gelände des Klinikums Mitte 2020 noch einmal vergrößern wird. Denn dann werden hier die beiden Kinderkliniken vom Links der Weser und Mitte zusammenziehen. Wir haben dann ein Umfeld, das neben unserer großen fachlichen Bandbreite zusätzlich Anziehungskraft für unser Team ausstrahlen soll. Natürlich spüren auch wir aktuell den Fachkräftemangel, und wir benötigen viel Engagement insbesondere der hochmotivierten Pflegekräfte, um alle Kinder versorgen zu können. Leider lassen sich Engpässe, wie anderswo in Deutschland, nicht immer vermeiden. Wir arbeiten ja in einem Bereich, der praktisch nicht planbar ist, weil Notfälle sich plötzlich häufen können.

Was hat sich seit dem Keimskandal im Jahr 2011 und der Verlagerung der Frühchenstation an das Klinikum Links der Weser in Sachen Behandlungsstandards und der Hygiene in der Kinder- und Jugendmedizin getan?

Durch eine Vielzahl von Maßnahmen haben wir es geschafft, am LdW Häufungen und Verbreitungen von Keimen auf der Neugeborenenintensivstation in den vergangenen acht Jahren erfolgreich zu verhindern – worauf wir auch ein wenig stolz sind. Jedes Kind wird bei Aufnahme auf die Station und einmal wöchentlich per Abstrich auf Problemkeime untersucht. Natürlich kommen multiresistente Keime vor, weil diese auch im Darm von Erwachsenen, zum Beispiel von Schwangeren, vorhanden sein können. Wir verhindern aber die Verbreitung auf der Station dadurch, dass das Thema Hygiene für jeden eine zentrale Aufgabe darstellt. In die Planung des neuen Kinderkrankenhauses sind hygienische Aspekte an jeder Stelle eingeflossen. Mit der neuen neonatologischen Station werden wir sehr, sehr gute Voraussetzungen dafür haben, die erfolgreiche Arbeit fortzusetzen.

In diesem Jahr soll die Kinderklinik in den Neubau des Klinikums Mitte umziehen. Welche Abteilungen wird es geben und welche werden von anderen Kliniken kommend in Mitte integriert?

Durch die Fusion der LdW-Kinderklinik und der Prof.-Hess-Kinderklinik des Klinikums Mitte haben wir dann hier in Bremen eines der größten Kinderkrankenhäuser Deutschlands. Mit der Neonatologie, einer Geburtsstation, einer Wöchnerinnenstation, der Kinderchirurgie, Kinderintensivmedizin und der Pädiatrie ist alles unter einem Dach vertreten, um Kinder und Jugendliche auf einem noch höheren Niveau als jetzt schon versorgen zu können. Das ist ein Leuchtturmprojekt für Bremen und sorgt bereits jetzt bundesweit für sehr viel Aufmerksamkeit. Alle Spezialdisziplinen, die in der Kinderheilkunde wichtig sind, werden dann vertreten sein: Neuropädiatrie, Lungenerkrankungen, Onkologie, Magen-Darm-Erkrankungen, Nierenerkrankungen, Rheumatologie und weitere. Dazu kommen die Disziplinen aus der Erwachsenenmedizin, die wir benötigen: HNO, Augen, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, Dermatologie, plastische Chirurgie, Gefäßchirurgie.

Welche Vorteile für junge Patienten und deren Eltern ergeben sich durch die Bündelung der Kompetenzen in der bremischen Kinder- und Jugendmedizin im Eltern-Kind-Zentrum?

Eine enge Zusammenarbeit unter den Abteilungen gibt es heute schon, mit dem feinen Unterschied, dass die Bereiche heute oft räumlich noch von der Weser getrennt werden. Künftig sind alle Versorgungsstrukturen dann unter einem Dach, das ist ein Riesenvorteil für die tägliche Zusammenarbeit. Lange Transporte für kinderchirurgische Eingriffe etwa fallen weg. Alles ist dicht zusammen, kurze Wege, ein direkterer Austausch ist möglich. Davon profitieren auch unsere zauberhaften Patienten und ihre Familien.

Bleiben die Standorte für Kinder- und Jugendmedizin an den Kliniken Nord und Links der Weser erhalten?

Die Kinderklinik in Bremen-Nord bleibt bestehen. Auch die kindermedizinische Versorgung von Neugeborenen im Links der Weser. Besonders kleine Frühgeborene – also sogenannte Level 1 und Level 2 – werden künftig im neuen Kinderkrankenhaus in Mitte versorgt. In solch einem Zentrum gibt es dann gebündelt die größte Erfahrung der Behandler mit kleinen Frühgeborenen und somit die besten Chancen, dass die Babys in ein gesundes Leben starten können. Die Medizin ist da heute sehr weit.

Die Geburtshilfe ist gerade im niedersächsischen Umland ein wichtiges Thema bei werdenden Eltern. So gibt es im Landkreis Diepholz keine Klinik mit Geburtshilfe mehr. . .

Die Geburtshilfe des Klinikums Links der Weser, die ja zur Frauenklinik gehört, bleibt samt der kinderärztlichen Versorgung für Neugeborene und auch für reifere Frühgeborene, also Level 3, bestehen. Wir haben in der Geno somit künftig wieder drei Geburtskliniken – im Links der Weser, in Mitte und in Nord – und somit sogar eine mehr als aktuell. Alle stehen natürlich auch wie bisher für Gebärende aus dem Landkreis Diepholz zur Verfügung.

Soll das Eltern-Kind-Zentrum weit über die Landesgrenzen hinaus strahlen – und hat auch es die nötigen Kapazitäten dafür?

Wir versorgen ja auch heute schon viele Kinder, die aus dem Bremer Umland und von noch weiter her kommen. Das wird auch im neuen Kinderkrankenhaus der Fall sein. Die Kapazitäten dafür sind natürlich so geplant worden, und die Bedingungen werden dann sogar besser sein als aktuell.

Wenn Sie einen Wunsch an die Bremer Politik frei hätten, welcher wäre das?

Mit dem Neubau eines ganzen Kinderkrankenhauses geht aktuell schon ein großer Wunsch von mir in Erfüllung. Die Versorgung von Kindern und Jugendlichen hört aber nicht bei der pflegerischen und medizinischen Versorgung auf. Dazu gehören auch kindgerechte Angebote wie eine Puppenvisite oder die Klinikclowns, die bereits heute eine große Bereicherung für den Klinikalltag sind. Ich würde mir von der Politik allgemein und den Kostenträgern noch bessere Rahmenbedingungen für eine umfassende Versorgung kranker Kinder und Jugendlicher und ihrer Familien wünschen.

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