Bei neuer GOP-Show entwickeln Unterkörper und Reifen ein Eigenleben

Ästhetik der jungen Wilden

Das „Spring“-Ensemble lieferte nicht nur herausragende Einzelleistungen, sondern auch ein furioses Finale. - Foto: Heyne

Bremen - Von Ulla Heyne. Junge Talente, einen „frischen Wind“ und „neue Sichtweisen“ hatte der künstlerische Leiter des Varieté-Theaters GOP, Ralf Zimmermann, den Premierengästen versprochen. Gleich vorweg: Der immer wieder eingeforderte „Jubel wie bei Werder letzte Woche in der 80. Minute“ wollte sich in der neuen Show „Spring“ nicht ganz einstellen – dafür nahmen sich viele der in der Tat bemerkenswerten Acts zu poetisch aus.

Der zweideutige Titel der Show ist eher mit Frühling zu übersetzen als mit „Sprünge“, drehten sich viele der Darbietungen doch eher um die Liebe, um Ästhetik und Träumerei, denn um knallharte Hochleistungsartistik, und das war auch gut so.

Tatsächliche Sprünge waren höchstens anfänglich beim sympathischen jungen Laurance Tremblay-Vu am Drahtseil zu sehen. Und auch seine finnische Kollegin Kerttu Pussinen mit ihrer Luftakrobatik an den Strapaten bediente die Kategorie „Akrobatik zum Staunen“. Allein: Das Rad erfanden sie damit nicht neu.

Selbiges in Form eines Cyrs, also einer Art halbem Rhönrad, wirbelte die Show allerdings kräftig auf: Das Duo „Pile ou Face“ alias Shannon Magoire und Philippe Ranaud, das schon im ersten Teil bei der hinreißenden Weltpremiere von „Hand auf Hand“ emotionale Momente von Liebe, Passion und dem Kampf der Geschlechter in einer ausdrucksstarken Mischung aus Tanz und Akrobatik verbunden hatte, setzte dies beim Wirbeln in dem überdimensionalen Hula-Hoop-Reifen fort.

Und der schien fast ein Eigenleben zu entwickeln, so dass der Pas de Deux immer wieder zur wilden Ménage-à-Trois geriet.

Ein ähnliches Eigenleben entwickelten die Reifen von William Jutras, einem gerngesehenen Gast auf der Bühne des GOP. Wenn der kleine Mann im anachronistischen Aufzug à la „Krieg der Knöpfe“ Akrobatik mit einer Mimik von Mr. Bean vereint, seine Reifen zu Waffen werden lässt und seine Mannen zur Trittleiter, um den Reifen mit den Zähnen kreiseln zu lassen, dann vereint er Akrobatik und Comedy mit einer Handlung. Applaus!

Eine Geschichte erzählt auch das „Halves Project“ – und zwar die des geteilten Menschen. Im ebenso genialen wie frischen Spiel mit der Optik, in dem schon mal einer der drei ukrainischen Akteure scheinbar mitten in der Luft hängenbleibt, entwickelt die untere Hälfte des blau angeleuchteten Akrobaten ein Eigenleben. Ein Riesenspaß, den Teil unter der Gürtellinie wieder in Einklang mit dem Oberteil zu bringen. Unter jener bewegt sich auch ein Großteil der Anmoderationen von Newcomer Benni Stark, der die Show im Mai begleitet. Seine Zoten aus der Zeit als C&A-Verkäufer lassen kein Klischee aus; dem jüngeren Publikum gefällt‘s.

Gehaltvoller fallen die Moderationsparts seines Kollegen Matthias Brodowy aus. Der selbsternannte „Vertreter für gehobenen Blödsinn“ übernimmt offiziell zwar erst im Juni; das Premierenpublikum darf sich jedoch schon mal über seine Gedanken zu Fitnesswahn und das Kindergartenregime freuen. Vor allem seine Träumereien am Klavier als „Papst Heinz“ und Mutti Merkels Einladung zu „All you can Greek“ begeistern.

Für musikalische Erheiterung sorgt das „Duo Gama“: Bachs Präludium auf Köpi-Flaschen, A la Turca auf Gläsern – die Pantomime der beiden Belgier lässt fast vergessen, auf welch hohem Niveau hier Musik gemacht wird.

Neue Show im GOP Bremen

Und sonst? Die Jonglage, zumeist mit fünf Bällen, gern aber auch nur mit einem oder mit zweien, in der der Franzose Jean-Baptiste Diot fast wie in Trance mit dem Ball tanzt, zeigt die Essenz des Abends: Weniger kann mehr sein. Die Ästhetik der jungen Wilden, der eigentliche rote Faden des neuen Programms, lohnt einen Besuch.

Die Show ist noch bis zum 26. Juni mittwochs bis sonntags zu erleben.

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