Absurde Zeitschichten

„Mein Kunst-Stück“ mit Christian Haake und einem vielschichtigen Zylinder

+
Christian Haake mit einem Zylinder, seiner absurden Arbeit „More than 70 hollow cylinders with some kind of reference to each other/artist edition/2015“. 

Bremen - Von Ilka Langkowski. „More than 70 hollow cylinders with some kind of reference to each other/artist edition/2015“ heißt Christian Haakes Objekt, das er in unserer Serie „Mein Kunst-Stück“ vorstellt. Der vielschichtige Zylinder trägt im Inneren etwas ganz Persönliches.

„Es hat mit einem Haar von mir angefangen“, erzählt Christian Haake über sein 2015 entstandenes Werk. Das Haar zog er durch eine schmale Kanüle. Diese steckte er in ein dünnes Kabelgummi. Und nach etwa 70  weiteren Zylinderschichten bildete ein Mülleimer mit dem Aufkleber „5th Avenue“ den roten Außenmantel. „Ich mag an ,70 hollow cylinders‘, dass es eine absurde Arbeit ist“, sagt Haake. „Die Herstellung war sehr zeitaufwendig, denn der nächstgrößere, passende Wegwerfartikel wollte erstmal gefunden und besorgt werden.“ Anfangs habe das Objekt mit dem ausnahmsweise langen Titel sogar geduftet, erzählt sein Erschaffer. Aus den Verpackungsresten strömten unter anderem die Aromen von Pferdebalsam und Seifenblasen. „Ich kann die Schichten fast so lesen wie ein Tagebuch“, sagt der Künstler.

Ein durchgängiges Thema in Haakes Arbeiten ist die Zeit. In diesem Zusammenhang interessiert den Künstler weniger der Mensch als Objekt. Vielmehr sind es die künstlerischen Spuren von Menschen, auf die er in Architektur und Perspektive den Fokus setzt. „Die Menschen bleiben nur in der Imagination“, sagt Haake. Leere Räume, wie der seiner aktuellen Ausstellung im geräumten Blumenladen Lauprecht im Steintor, sind für den Bremer voller Zeitspuren. Häufig lenkt er den Blick des Betrachters durch Passepartouts oder Rahmen auf scheinbar Unspektakuläres.

Auf die Kunst gekommen ist Haake erst mit 34 Jahren. Zwar hatte der 1969 in Bremerhaven geborene Künstler schon lange Kunst gemacht, aber sich erst spät auf einen Studienplatz beworben. „Das hat Vor- und Nachteile“, sagt er. Einerseits habe er bereits seinen eigenen Stil gehabt, den er weiterentwickelte. Und er hatte keine falschen Vorstellungen von der Zeit nach dem Abschluss. Andererseits sei er als Oldie unter den Newcomern auf einen Kunstmarkt gekommen, der normalerweise stark auf junge Künstler ausgerichtet sei.

Der künstlerische Alltag sieht bei Haake ganz unterschiedlich aus. Mal arbeitet er konzeptionell, mal spontan. Feste Zeiten gibt es nicht. Hat er einen guten Einfall, springt er schon mal aus dem Bett, um den Gedanken festzuhalten. Den Kontrast dazu liefert seine Tätigkeit zum Broterwerb mit festen Arbeitszeiten. Unter anderem arbeitet der ausgebildete Filmvorführer im Kino: „Das ist für mich ein Füllhorn der Inspiration.“ Die Herausforderung in der Kunst sieht er darin, die Faszination für seine Arbeit zu halten und sich selbst treu zu bleiben. Ob wir Kunst brauchen? „Ja. Es ist das einzige Gebiet, wo es erstmal um nichts geht, außer darum, etwas zu betrachten oder auszustellen. Die Kunst darf unnütz oder sogar absurd sein. Auch neue Perspektiven kann sie eröffnen.“

Zu den Künstlern, die für Haake besonders bedeutend sind, zählen der Brite Matthew Collishaw und das Schweizer Künstlerduo Peter Fischli und David Weiss. Alle drei Künstler gingen von einer Idee aus und transportierten ihre eigene Faszination in den Ausstellungsraum, sagt Haake. Das gelte für Fischlis und Weiss‘ oft humorvolle Filme oder auch für Collishaws aufrüttelnde Installationen und Fotos. Der Brite machte eine Serie von Fotos, die in der Lichtgebung an Rembrandt erinnern und in denen er die letzten Mahlzeiten von zum Verurteilten im Todestrakt in Szene setzt.

Wenn Haake jemandem ein Bild als Botschaft schicken sollte, dann gingen seine handgemalten Millimeterpapiere an alle Architekten, „die hässliche Häuser mit einer Halbwertzeit von zehn Jahren bauen“. Das ohne Maß gemalte technische Zeichenpapier soll daran erinnern, dass man nicht nur nach metrischen Maßstäben gehen solle.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Argentinien vor dem WM-Aus - Kroatien siegt 3:0

Argentinien vor dem WM-Aus - Kroatien siegt 3:0

Mbappé schießt Frankreich ins Achtelfinale - 1:0 gegen Peru

Mbappé schießt Frankreich ins Achtelfinale - 1:0 gegen Peru

Hurricane Festival 2018: Bilder von den Campingplätzen 7,8 und 9

Hurricane Festival 2018: Bilder von den Campingplätzen 7,8 und 9

Hurricane Festival 2018: Bilder vom WoMo Grüner Wohnen

Hurricane Festival 2018: Bilder vom WoMo Grüner Wohnen

Meistgelesene Artikel

19-Jährige verletzt Polizisten in Bremen mit Messer

19-Jährige verletzt Polizisten in Bremen mit Messer

Polizei schnappt Taschendieb in Bremen dank WLAN-Router

Polizei schnappt Taschendieb in Bremen dank WLAN-Router

Wahl 2019: Weyher Bürgermeister will zurück nach Bremen

Wahl 2019: Weyher Bürgermeister will zurück nach Bremen

15-köpfige Gruppe jagt Mann - Helfer kassiert Prügel

15-köpfige Gruppe jagt Mann - Helfer kassiert Prügel

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.