Umjubelte Show von „Afrika! Afrika!“ im Metropol-Theater

Abschied von der Folklore

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Der „Gumboot Dance“ (dt.: Gummistiefel-Tanz) entstand in den 1880er Jahren in den südafrikanischen Gold- und Diamantenminen um Johannisburg.

Bremen - Von Ralf Sussek. Angekündigt wird das Spektakel mit dem Zusatz „nach einer Idee von André Heller“. Dieser Verweis lässt einen unwillkürlich an die Anfänge von „Afrika! Afrika!“ denken. Damit hat die Show von heute aber nicht mehr viel zu tun. Das sollte man weder dem österreichischen Künstler noch seinem langjährigen Weggefährten, dem aktuellen Macher Georges Momboye, vorwerfen. Und man darf es auch nicht: Das aktuelle „Afrika! Afrika!“ ist eine rasante, farbenfrohe Show, die sich von der Folklore verabschiedet hat und in der sich dennoch ganz viel vom Bild Afrikas wiederfindet.

Vor gut 15 Jahren erfand Heller das Erlebnis gleichen Namens, aber anderer Tiefe. Rund um die Show in einem großen Zelt schuf er (auch schon einmal in der Bremer Überseestadt) in verschiedenen Zelten kleine Erlebniswelten: mit afrikanischer Einrichtung, Sitzkissen, Teppichen, die Mitarbeiter in afrikanischer Kleidung servierten Speisen vom Kontinent. Man mag sich den Kostenapparat dahinter gar nicht vorstellen. All das funktionierte nur, weil ein Gastspiel mehrere Tage dauerte.

Die nunmehr dritte Auflage der Show hat aber immer noch das, um was es eigentlich geht: 1972 erlebte Heller in Afrika auf einem Marktplatz ein Fest, bei dem sich Tänzer, Musiker, Gaukler und Akrobaten gegenseitig ihre Kunst zeigten. „Es war die Begegnung mit einer anderen, liebevolleren Wirklichkeit und ich fühlte mich gut beraten, mich ihr anzuvertrauen“, beschrieb es Heller einmal.

Und so vertrauen sich am Freitagabend auch die Besucher des Metropol-Theaters am Richtweg dieser „Wirklichkeit“ an, der Lebensfreude, diesem afrikanischen Zirkus, der es den Künstlern und Artisten erlaubt, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten zu zeigen und damit ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien zu sichern. So wie Hikma Muzemil, ein junges Talent aus der ADC-Zirkusschule in Addis Abeba (Äthiopien), das mit seinem Cyr-Wheel – ein Rhönrad mit einem Ring – zur Musik der Live-Band über die Bühne „tanzt“.

Einen ersten Höhepunkt des bunten Menüs aus Akrobatik, Musik und Tanz serviert Abrham Woldehawaryat, ein vielfach ausgezeichneter Jongleur. Und man sieht sofort, warum: Wie er am Ende neun Bällchen mit höchster Geschwindigkeit auf dem Boden oder an Gegenständen abprallen lässt und – Richtungswechsel eingeschlossen – mit den Händen weiterbefördert, ist atemberaubend.

Und atemlos geht es weiter durch den Abend. Die Artisten können nicht einmal im reichlichen Applaus baden – schon startet die Musik wieder und die nächste Nummer beginnt. Zu diesem Tempo passen die ausgiebigen Hiphop- und Breakdance-Einlagen, die die Zuschauer daran zweifeln lassen, ob das, was sie über die Gesetze der Schwerkraft gelernt haben, immer noch Gültigkeit hat.

Gesteigert wird dies in der zweiten Hälfte, in der unter anderem das „Duo Happy“ mit seiner Nummer dem atemberaubenden Tempo die Krone aufsetzt. Es ist richtiggehend anstrengend zu sehen, wie ein Mann vornehmlich mit den Füßen einen Jungen derart durch die Luft wirbeln kann – immer begleitet von den eigenen Gedanken, dass doch bitte nichts passieren möge.

Nach fast zwei Stunden Programm verabschieden sich die Künstler vom Publikum unter tosendem Applaus – ein Dank für einen atemlosen Abend. Hätten die Macher auf das bedeutungslose Mitwirken der lebensgroßen Elefanten-Puppe „Dumbo“ (aus dem Musical „König der Löwen“) verzichtet, wäre der Abschied von der Folklore perfekt gelungen.

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