„Bremen zur See“: Vor 50 Jahren startet der Liner seine letzte Reise zur Abwrackwerft

Abschied von der „Berlin“

Vor 50 Jahren verließ das erste Nachkriegs-Passagierschiff des Norddeutschen Lloyd ein letztes Mal die Columbuskaje in Bremerhaven. Die „Berlin“ nahm Kurs auf eine Abwrackwerft bei Genua. - Foto: Archiv DSM

Bremen - Von Harald Focke. Am Sonnabend, 15.  Oktober 1966, lag die „Berlin“ über die Toppen geflaggt an der Columbuskaje in Bremerhaven. Die Besatzung des ersten Nachkriegs-Passagierschiffs des Norddeutschen Lloyd traf sich auf dem Sonnendeck zu einer Abschiedsfeier. Einige hatten Tränen in den Augen. Die Bordkapelle spielte das Lied „Alte Kameraden“. Die letzte Reise des Liners ist das Thema der heutigen Folge unserer serie „Bremen zur See“.

Hunderte verfolgten die Zeremonie auf dem Kai und der Galerie des Columbusbahnhofs. Nach zwölf Dienstjahren unter der Lloyd-Flagge wurde der 1925 gebaute Liner außer Dienst gestellt. Vorstand Dr. Johannes Kulenkampff sagte, die „Berlin“ verdiene „einen ehrenvollen Platz“ in der Geschichte der Reederei. Er brachte ein dreifaches „Hipp, Hipp, Hurra“ auf sie aus. Dann macht er eine merkwürdige Bemerkung: Die „Berlin“ sei immer ein vom Glück begünstigtes Schiff gewesen. Nie habe sie ein schweres Unglück erlebt.

Das war gelogen. Im selben Moment schoss altgedienten Besatzungsmitgliedern die noch immer schmerzliche Erinnerung an die Todesfahrt der „Berlin“ im März 1959 durch den Kopf: Vier Matrosen kamen mitten auf dem Atlantik bei einem schweren Unfall im Orkan ums Leben. Und um ein Haar hätte der Norddeutsche Lloyd die „Berlin“ verloren – mit Mann und Maus. Die Katastrophe hatte die Reederei stets kleingeredet oder sogar verschwiegen.

Anfang September 1966 hatte die „Berlin“ in New York zu ihrer letzten Atlantiküberquerung nach Bremerhaven. abgelegt. Nach der traditionellen Kreuzfahrt „in den Süden“ war endgültig Schluss.

Kapitän George Will nannte die „Berlin“ liebevoll eine „alte Lady“. Mit belegter Stimme sagte er „Good bye, fare well, auf Wiedersehen – no more“ und hatte dabei Mühe, seine Tränen zu unterdrücken.

Seit 1964 war die „Berlin“ das älteste Passagierschiff auf dem Nordatlantik. Mit ihrer antiquierten Silhouette, den hohen, schmalen Schornsteinen und dem altmodischen Heck sah man ihr an, dass die „Berlin“ ein Überbleibsel aus einer vergangenen Epoche war. Ihr Erhaltungsaufwand war mit den Jahren so gewachsen, dass die inzwischen fällige Grundüberholung vom technischen und finanziellen Aufwand her nicht mehr vertretbar war.

Deshalb fand sich für die „Berlin“ auch keinen Käufer, als sie im Oktober und November 1966 in Bremerhaven angeboten wurde. Nicht einmal als Wohnschiff wollte sie noch jemand haben. Auf die Idee, sie für Bremerhaven als Museumsschiff zu sichern, kam damals keiner, weil niemand mit einem so schnellen Ende der Passagierschiffahrt rechnete.

Am 18. November 1966 verließ die „Berlin“ ein letztes Mal ohne Fahrgäste die Columbuskaje in Bremerhaven, noch immer mit ihren längst museumsreifen Originalmotoren aus dem Jahre 1925. „Ohne Musik, nur von ein paar winkenden Schaulustigen wurden wir verabschiedet“, erinnerte sich Zahlmeister Günther Schaack aus Bremen. „Die Atmosphäre an Bord hatte etwas Gespenstisches – welch ein Kontrast zur letzten Kreuzfahrt! Da hatten wir ein ausgebuchtes Schiff mit 480 Passagieren und 350 Mann Besatzung. Jetzt waren wir gerade 45  Leute, die sich überall verloren.“

Ziel der allerletzten Reise der „Berlin“ war eine Abwrackwerft in La Spezia am Golf von Genua.

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