1. Startseite
  2. Lokales
  3. Bremen

Berufungsprozess gegen Bremer Pastor: Abgrenzung von der Ausgrenzung

Erstellt:

Von: Ralf Sussek

Kommentare

Vor dem Landgericht Bremen hat am Montag das Berufungsverfahren im Fall von Pastor Olaf Latzel (hier zwischen seinen Rechtsanwälten Mathias Schult, links, und Dr. Sascha Böttner, rechts) begonnen.
Vor dem Landgericht Bremen hat am Montag das Berufungsverfahren im Fall von Pastor Olaf Latzel (hier zwischen seinen Rechtsanwälten Mathias Schult, links, und Dr. Sascha Böttner, rechts) begonnen. © epd/Vankann

Vor dem Bremer Landgericht hat am Montag das Berufungsverfahren im Fall des Bremer Pastors Olaf Latzel begonnen.

Bremen – Zweiter Akt im Prozess gegen den Bremer Pastor Olaf Latzel: Am Montag hat die Verhandlung vor der Strafkammer 51 des Bremer Landgerichts begonnen. Der heute 54-Jährige war im November 2020 vom Bremer Amtsgericht der Volksverhetzung für schuldig befunden und zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen á 90 Euro verurteilt worden.

Dem Theologen wird vorgeworfen, in einem Eheseminar („Biblische Fahrschule zur Ehe“) vor 30 Ehepaaren unter anderem erklärt zu haben, Homosexualität sei eine „Degenerationsform von Gesellschaft“ und „überall laufen die Verbrecher rum vom Christopher Street Day“. Eine Audiodatei des Seminars war sechs Monate später von einem Mitarbeiter ins Internet gestellt worden – ohne dass sich Latzel der Formulierungen noch bewusst gewesen sei, so die Verteidigung. Schon nach wenigen Tagen – nachdem er erfahren hatte, dass gegen ihn Anzeige erstattet worden war – wurde die Datei aus dem Netz genommen.

Neuer Prozess gegen Bremer Pastor: Großes Medieninteresse, viel Publikum

Unter großem Medieninteresse und reichlich Publikumszuspruch beginnt der Berufungsprozess am Montag – mit Verspätung. Alle sind da, nur die Sitzungsvertretung der Staatsanwaltschaft nicht. Das Auftreten der Behörde war im ersten Verfahren noch ganz anders gewesen: Die beballte Juristen-Power eines Staatsanwalts und einer Staatsanwältin vertrat dort die Anklage – für einen Amtsgerichtsprozess äußerst ungewöhnlich.

Am ersten Verhandlungstag verliest der Richter am Landgericht, Hendrik Göhner, die rund 40 Seiten umfassende Berufungsbegründung ebenso wie das erstinstanzliche Urteil. Passagen des Urteils nennt Latzel-Verteidiger Dr. Sascha Böttner in seiner Berufungsbegründung „abenteuerlich“, die Anwendung von Verfassungsrecht sei der urteilenden Richterin „offenbar unbekannt“, das Amtsgericht wolle durch die Hintertür biblische Positionen unter Strafe stellen. Die Vizepräsidentin des Amtsgerichts hatte in der Urteilsverkündung seinerzeit erklärt, die Sachlage sei „einfach und klar“.

Prozess gegen Pastor Latzel: Erstmals werden Zeugen gehört

Das kann man auch anders sehen. Zum ersten Mal – das Amtsgericht hatte darauf verzichtet – werden auch Zeugen gehört. Es handelt sich um Teilnehmer des Seminars. Die Martini-Gemeinde um Pastor Latzel gilt als besonders bibeltreu: „Wenn ein Mann bei einem Mann ist – das ist nicht okay“, sagte am Montag ein 41-jähriger Mann aus Ganderkesee, der das Seminar mitorganisiert und Pfarrer Latzel darum gebeten hatte, dort zu sprechen.

In dieser Gemeinde wird die Bibel wörtlich genommen, soll heißen: Homosexualität ist Sünde, Ehebruch, Untreue, Gewalttätigkeit, ein anderer Glaube aber eben auch. „Wenn wir uns gegen Homosexualität aussprechen, müssen wir uns auch gegen Ehebruch aussprechen“, sagt Latzel in dem Seminar. Der Grundtenor ist demnach: „Alle Menschen sind Sünder“, da sei keiner besser, „ich auch nicht“. Die Sünden seien halt verschieden. Aber „Homosexualität als Sünde ist keine Ausnahme“.

Der Audiodatei vom Seminar, von der am Montag gut 52 Minuten mit den wesentlichen Passagen vorgeführt wurden, ist zu entnehmen, dass Latzel die zunehmende Verbreitung verschiedener Lebensformen kritisiert. „Homosexuelle Beziehungen werden auf dasselbe Niveau gestellt wie die Beziehung zwischen Mann und Frau.“ Ein Unding für den bibeltreuen Latzel („Gottes Wort ist irrtumslos und fehlerfrei“).

Die Entwicklung in den Landeskirchen, in denen gleichgeschlechtlichen Paaren immer weitere kirchliche Segnungen zuteilwerden, ist für den Pastor „ein Verrat am Wort Gottes“. Olaf Latzel: „Was ich möchte, ist die Abgrenzung von falscher Lehre, nicht die Ausgrenzung von Menschen.“

Latzel: Ich verurteile Sünden, nicht aber die Sünder

Latzel besteht darauf, und das ist auch die Strategie der Verteidigung, dass er zwar die Sünden verurteilt, nicht aber die Sünder. „Ich habe Homosexuelle in der Gemeinde, in der Familie.“ In seiner vorherigen Pastoren-Station im Siegerland habe er sich bei einer Zelt-Evangelisation für einen Homosexuellen eingesetzt, den konservative Gemeindeglieder des Chores verwiesen wissen wollten. Er selbst habe daraufhin erfolgreich sein Mitwirken davon abhängig gemacht, dass der Mann im Chor blieb. „Mehr als 30 Gemeindeglieder haben daraufhin die Gemeinde verlassen“, erklärt Latzel.

Am Freitag wird der Prozess fortgesetzt. Dann werden gleich zwei theologische Sachverständige gehört. Eine heikle Angelegenheit, weiß auch der Vorsitzende Göhner, und weist ausdrücklich darauf hin. Für ihn und seine beiden Laienrichter wird es darauf ankommen, die theologischen und rechtlichen Gesichtspunkte in den Gutachten klar zu trennen. Schließlich müssen sie entscheiden, ob Olaf Latzel mit der Verurteilung in der Religions- und Meinungsfreiheit eingeschränkt wurde.

Ursprünglich sollte ein zur Freikirche gehörender Theologieprofessor ein Gutachten erstatten, er hatte sich nach kritisierten Äußerungen zur Homosexualität aber aus dem Prozess zurückgezogen.

Auch interessant

Kommentare