Aufsichtsrat: „Schwere Störungen“

Flughafen-Chef muss die Koffer packen: Abflug für Jürgen Bula

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Abflug: Airport-Chef Jürgen Bula (r.), hier vor etwa einem Jahr mit Wirtschaftssenator Martin Günthner bei der Einweihung des neuen Abflugbereichs, muss die Koffer packen und gehen. Das entschieden am Freitag Aufsichtsrat und Gesellschafterverammlung.

Bremen - Von Elisabeth Gnuschke. Das war's für Jürgen Bula. Nachdem der Aufsichtsrat stundenlang getagt hatte, war klar, dass mit Jürgen Bula der dritte Chef des Flughafens in Folge vorzeitig gehen muss. Der 56-Jährige wurde am Freitagmittag persönlich informiert. Er musste dann seine Koffer packen und den Abflug machen, um in der Sprache des Airports zu bleiben.

Grund für die Abberufung Bulas durch Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung sind den Angaben zufolge „schwere Störungen“ zwischen dem Geschäftsführer und seinen Mitarbeitern. Verschiedene Vorfälle am Flughafen hätten das gezeigt, sagte im Anschluss an die Mammutsitzung Wirtschafts-Staatsrat Ekkehart Siering, der zugleich Vorsitzender des Aufsichtsrates ist. Eine „verlässliche, aufgabengerechte und kooperative Zusammenarbeit“ sei so nicht mehr möglich. Und auch das Vertrauensverhältnis zwischen dem Geschäftsführer und dem Aufsichtsrat sei „erschüttert“, so Siering.

Mit keinem Wort werden die Alkohol-Vorfälle aus dem Juni erwähnt, nach denen Bula eine Abmahnung kassierte. Wie berichtet, soll der 56-Jährige bei Tarifverhandlungen alkoholisiert gewesen sein, wie das Wirtschaftsressort gegenüber unserer Zeitung bestätigte. Den Angaben zufolge soll Bula zudem ausfallend gegenüber anderen Teilnehmern (Gewerkschaftsvertretern) geworden sein. Bekannt wurde das alles erst im Oktober. Für eine fristlose Kündigung habe es keine rechtliche Grundlage gegeben, so Tim Cordßen, Sprecher des Wirtschaftsressorts, vor gut drei Wochen. Ein Gewerkschaftsvertreter forderte im Zuge der Enthüllungen Bulas Entlassung. Um eine Suchterkrankung auszuschließen, musste sich der jetzt gefeuerte Airport-Chef seit dem Sommer regelmäßig ärztlichen Kontrollen unterziehen. Bula, seit 2009 im Amt, räumte im Oktober in einer persönlichen Erklärung einen Fehler ein. Sein Verhalten bei den Tarifverhandlungen sei „unangemessen“ gewesen. Bulas Vertrag wäre eigentlich noch bis 2019 gelaufen. Jahresgehalt: um die 275.000 Euro.

Petra Höfers, die kommissarische Aiport-Chefin.

Gar nicht gefallen hat dem Aufsichtsrat offenbar, dass die Eskapaden Bulas an die Öffentlichkeit drangen, das wird in der Erklärung von Freitag ausdrücklich erwähnt. Drum gab's auch gleich einen Maulkorb für alle Mitglieder. Im Aufsichtsrat sitzen unter anderem Arbeitnehmervertreter sowie Vertreter aus dem Wirtschafts- und Finanzressort und von der Handelskammer.

Während sich eine Personalberatungsagentur auf die Suche nach einem neuen Airport-Chef macht, übernimmt zwischenzeitlich Prokuristin Petra Höfers (56), Geschäftsbereichsleiterin Personal-, Sozial- und Tarifwesen, die Geschäftsführung. Sie arbeitet seit zwei Jahren beim Flughafen, der jährlich etwa 2,6 Millionen Passagiere zählt. Der Aufsichtsrat will zudem einen „personellen und organisatorischen Neuaufstellungsprozess“. Und er hat eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit einer Sonderprüfung des Airports beauftragt.

Bula hatte unter anderem durch die ausgelagerte Gepäckabfertigung den Ärger von Beschäftigen und Gewerkschaft auf sich gezogen. Beim Abholen der Koffer gab es lange Wartezeiten, Verwaltungsmitarbeiter halfen bei der Abfertigung aus.

Jürgen Bula ist der dritte Flughafen-Chef in Folge, der vorzeitig die Koffer packen muss. Sein Vorgänger Manfred Ernst, unter dessen Regie der Airport erheblich Aufwind bekam, musste ein Jahr vor dem Ruhestand gehen. Die Vorwürfe, er habe gute Jobs an Familienmitglieder vergeben, erwiesen sich später als haltlos. Ernsts Vorgänger Herbert Estel war 1986 abberufen worden, weil er Airport-Beschäftigte bei sich zu Hause arbeiten ließ.

Kommentar von Elisabeth Gnuschke

Keine Basis für Zusammenarbeit

Nun also doch: Airport-Chef Jürgen Bula, seit 2009 im Amt, muss den Abflug machen. Eine folgerichtige Entscheidung von Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung. Überraschend kann die Entscheidung der Gremien für den 56-Jährigen, dessen Vertrag erst 2019 ausgelaufen wäre, nicht gekommen sein. Bula muss spätestens seit der Abmahnung nach der berüchtigten Sitzung im Juni klar gewesen sein, dass es für ihn fünf vor zwölf ist und er unter besonderer Beobachtung steht. Ein Geschäftsführer, der sich während der Tarifverhandlungen volllaufen lässt, deshalb von eben diesen Verhandlungen entbunden wird und sich dann auch noch ausfallend gegenüber Gewerkschaftsvertretern verhält, der ist schon allein wegen dieser Fehltritte nicht als Aushängeschild eines Airports tragbar. 

Wohlgemerkt, wir reden hier von Tarifverhandlungen, nicht von einem gemütlichen Beisammensein oder einer privaten Feier. Was ist mit seiner Glaubwürdigkeit als Vertreter des Flughafens bei Gesprächen in übergeordneten Gremien oder mit potenziellen Kunden, also Airlines? Was mit seiner Autorität im eigenen Hause? Mitarbeiter mussten schon für viel weniger gehen als das, was sich Bula geleistet hat, so sagt man dort am Neuenlander Feld. Für eine fristlose Kündigung Bulas hat’s im Sommer nicht gereicht, ergab die rechtliche Prüfung, die das Wirtschaftsressort damals in Auftrag gegeben hatte. Aber dem Geschäftsführer muss klar gewesen sein, dass ihm Bremen als Eigentümer des Airports mit rund 2,6 Millionen Passagieren im Jahr genau auf die Finger schauen wird. Erst die Vorgänge um die nicht funktionierende Gepäckabfertigung – und dann entzog Bula auch noch dem langjährigen Finanzchef die Prokura, der ging. 

Offenbar reichte es dem Aufsichtsrat jetzt, um den Airport-Chef freizustellen und Wirtschaftsprüfer ins Haus zu holen. „Schwere Störungen“ zwischen Bula und den Mitarbeitern und ein „erschüttertes“ Vertrauensverhältnis zum Aufsichtsrat werden als Gründe für den Schritt angeführt. Eine Basis für eine Zusammenarbeit ist da auf keiner Ebene mehr vorhanden. Fragt sich nur, ob die rechtliche Grundlage nun eine bessere ist. Ansonsten hätte man nicht fünf Monate ins Land ziehen lassen müssen, um den Flughafen und die Mitarbeiter von einem untragbaren Chef zu befreien.

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