Abenteuer im ewigen Eis: Kinderbuch über Klimawandel

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Dr. Anna Wegner und Fernando Valero im Kälteraum des Alfred-Wegener-Instituts Bremerhaven.

Bremerhaven - Von Lisa Duncan - Von der Garderobe reicht mir Fernando Valero eine riesige Daunenjacke. „Die wirst du brauchen!“, sagt er. Ich bin im Erdgeschoss des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Ich will mir einen 14.000 Jahre alten Eiskern ansehen, wie sie hier in einem Kälteraum bei minus 20 Grad gelagert werden. Die nicht mehr ganz neue Daunenjacke verliert schon erste Federn und ist viel zu warm. Valero ist daran gewöhnt.

Seit 20 Jahren arbeitet der Ecuadorianer in der Abteilung für Glaziologie des AWI, wo er sich unter anderem um die Archivierung von Eiskernen kümmert. Einige der  Proben hat er selbst bei Forschungsaufenthalten des AWI aus dem ewigen Eis nach oben befördert. „Ich war der erste Ecuadorianer am Nordpol“, bemerkt er augenzwinkernd.

Den Großteil des Jahres sitzt der 51-Jährige aber im beheizten Büro und erstellt Datenbanken sowie den Internetauftritt der Abteilung. Teil davon sind auch Seiten für Kinder und Jugendliche, die die Arbeit des Alfred-Wegener-Instituts anschaulich vermitteln sollen. Zusammen mit der Physikerin Dr. Anna Wegner – ebenfalls Mitarbeiterin des AWI, jedoch nicht verwandt mit dem Namensgeber des Instituts – hat er gerade ein Kinderbuch geschrieben: „Paul und Napoleon – Ein Pinguin am Nordpol“.

Die Geschichte handelt von dem Eisbären Napoleon und dem Pinguin Paul. Weil die beiden Zootiere ihre Heimat nie kennengelernt haben, entschließen sie sich eines Tages, gemeinsam an den Nordpol zu reisen. Spielerisch vermittelt das Buch, welche Forschungen in der Arktis laufen, wie sich seit Abschmelzen der Polkappen Länder um frei gesetzte Rohstoffe streiten und auf welche Weise der Klimawandel den Lebensraum der Tiere zerstört.

Valero stößt eine riesige Stahltür auf und verriegelt sie hinter uns. Drinnen ist es kalt. Seine Kollegin Anna Wegner deutet auf ein Plakat mit Kurvengrafiken an der Wand. Es zeige, dass die CO2- und Methanwerte in den vergangenen Jahren so stark angestiegen sind wie nie zuvor, erklärt sie. Der heutige Methanwert etwa liege bei 1.750 ppb (parts per Billion, auf deutsch: Teile pro Milliarde). Das Maximum vergangener Warmzeiten betrug 800 ppb. „So, und jetzt gehen wir uns die Eiskerne ansehen“, sagt Valero und deutet auf eine weitere Stahltür. Ich stutze. Wir sind noch gar nicht im Kälteraum? Nein, hier wären es doch bloß plus vier Grad, lacht er.

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Abenteuer im ewigen Eis

Fernando Valero Delgado, wie er mit vollem Namen heißt, stammt aus Guayaquil, der größten Stadt Ecuadors. „Ich bin in einem Slum aufgewachsen“, erzählt er. „Meine Mutter hat ihr ganzes Geld in die Ausbildung ihrer Kinder gesteckt.“ Seine Schwester, eine Systemanalytikerin, fand einen Job in Hamburg. Valero folgte ihr und begann bald, in Bremerhaven Verfahrenstechnik zu studieren. Während seines Studiums arbeitete er im Alfred-Wegener-Institut. Als dort 1992 eine Stelle als Laborant frei wurde, zögerte er nicht lang und bewarb sich. Seither hat er schon acht Expeditionen unternommen: zweimal mit der „Polarstern“ (1993 und 1995) und einmal mit einem russischen Eisbrecher in die Arktis, einmal mit einem schwedischen Schiff an den Nordpol (1996). Weitere Forschungsreisen führten ihn in die Antarktis (2006) und nach Grönland (2009).

Wir sind im „echten“ Kälteraum angekommen. Schon nach wenigen Sekunden erkenne ich die Vorzüge der Daunenjacke. In dem schmucklosen Raum stapeln sich ringsum Styroporkisten. Aus einer von ihnen fördert Valero einen schmalen, etwa einen Meter langen, halbrund geschnittenen Eisblock zutage und legt ihn auf den Tisch.

Um diesen Eiskern aus 800 Metern Tiefe zu erhalten, haben die Expeditionsteilnehmer der Abteilung Glaziologie dreimal drei Monate auf der Kohnen-Station in der Antarktis verbracht. „Wir können nur im antarktischen Sommer, zwischen Dezember und März, arbeiten“, erklärt Valero. Den Rest des Jahres lassen es die Witterungsbedingungen nicht zu. 

Die Bohrarbeiten werden in einem 66 Meter langen, sechs Meter tiefen und fast fünf Meter breiten Graben durchgeführt, der eigens dafür aus dem Schnee ausgehoben und mit einem Holzdach versehen wurde. Valero steuert das Gerät per Computer. Sobald die Kerne an die Oberfläche gelangen, ist aber auch körperlich anstrengende Arbeit erforderlich.

Die Station selbst besteht aus elf Standardcontainern, die auf einer 32 Meter langen und acht Meter breiten Plattform befestigt sind. Stahlpfeiler, die aufgestockt werden können, sobald die Station im Schnee zu versinken droht, tragen die Plattform. In den Containern befindet sich eine Funkstation, eine Messe, eine Küche, sanitäre Einrichtungen, zwei Schlafräume, eine Schneeschmelze zur Wassergewinnung, ein Lagerraum, eine Werkstatt und die Stromversorgung.

Fernando Valero und seine Kollegen haben in Zelten übernachtet, in denen eine durchschnittliche Temperatur von rund fünf Grad Celsius herrschte – im Vergleich zu draußen harmlos. Da kann es bei Minus 40 Grad und zwölf Knoten Windstärke schon sehr ungemütlich werden. „In Kombination fühlt sich das an wie minus 70 Grad“, erinnert sich Valero. Es sei ein sehr arbeitsreicher Aufenthalt gewesen. 

„Dort unten muss man die Zeit nutzen“, sagt er. Auch Weihnachten hätten sie notgedrungen auf der Kohnen-Station verbracht. „Ohne Tannenbaum, aber alle haben sich schön angezogen, und wir haben gemeinsam gegessen und getrunken“, erzählt Valero.

Der unscheinbar aussehende, gerade mal einen Meter lange Eiskern bildet einen Teil der Vergangenheit ab, in der noch kein einziger Mensch die Antarktis jemals betreten hatte. Seit seiner Entstehung sind etwa 14.800 Jahre vergangen. Wegner zeigt auf einen Strich in der Mitte des Eisstabs: „Das ist Asche, die sich einst auf dem Eis abgelagert hat. Sie stammt von einem Vulkanausbruch.“

Wegners Forschungsschwerpunkt: Sie analysiert Staubpartikel, die vor vielen tausend Jahren aus Wüsten in die Antarktis geweht sind. Daraus zieht sie Rückschlüsse auf das Klima vergangener Jahrtausende.

Der bislang älteste Eiskern in der Abteilung für Glaziologie stammt aus der Antarktis und ist etwa 900.000 Jahre alt. 

„Um den Klimawandel ins Bewusstsein der Menschen zu rücken, muss man bei den Kindern ansetzen“, meint Fernando Valero. Seit dem Jahr 2000 bemüht er sich mit den interaktiven Webseiten „Glaziologie für Anfänger“ und „Spielen und Lernen mit dem Super-Glazi“ darum, jungen Menschen wissenschaftliche Inhalte zu vermitteln.

Die Idee, ein Kinderbuch zum Thema Klimawandel zu schreiben, hatten Anna Wegner und Fernando Valero vor etwa anderthalb Jahren. Geschichte und Text haben sie zusammen entwickelt, die Illustrationen stammen von Fernando Valero. Mit finanzieller Unterstützung des Alfred-Wegener-Instituts und der Abteilung Glaziologie erschien das Buch im November im NW Wirtschaftsverlag. Zur Zielgruppe gehören in erster Linie Grundschulkinder.

In der Geschichte erfährt der Leser unter anderem, wie eine Expedition an den Nordpol abläuft – und welche Gefahren damit verbunden sein können. Um in die Arktis zu gelangen, schleichen sich die beiden Tiere an Bord des Expeditionsschiffes Kassiopeia. Am Zielort angekommen, nehmen die Wissenschaftler Eisbohrungen auf dem Meereis vor, und die beiden Tiere verlassen ebenfalls das Schiff. Als der immer hungrige Napoleon entdeckt, wie einer der Forscher ein Thunfischbrötchen essen will, folgt er einfach seinem Instinkt und läuft auf ihn zu. In letzter Minute kann sich das Forscherteam auf das Schiff retten.

Hat Valero selber so eine Situation schon mal erlebt? „Ja, so etwas ähnliches. Mehr möchte ich aber nicht verraten. Das würde die Fantasie der Kinder stören“, sagt er.

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