Bauern-Konvoi rollt durch die Stadt: „Wir wollen uns Gehör verschaffen“

500 Trecker bremsen Bremen

Für Aufmerksamkeit sorgte die Bauerndemo am frühen Nachmittag in der Bremer Innenstadt.
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Für Aufmerksamkeit sorgte die Bauerndemo am frühen Nachmittag in der Bremer Innenstadt.

Bremen – Es sind mehr als erwartet: Rund 500 Trecker rollen am Nachmittag durch Bremen, etwa 200 waren angekündigt. Die Polizei spricht von einer 16 Kilometer langen Kolonne. In Elsdorf im Kreis Rotenburg sind die Landwirte gegen Mittag zur rollenden Demo gestartet. Das Bündnis „Land schafft Verbindung“ will mit der Aktion auf die „existenzbedrohende Situation“ vor allem für die Milchbauern aufmerksam machen. Ziel der Treckerdemo ist daher auch das Deutsche Milchkontor (DMK). Der nach eigenen Angaben größte deutsche Milchverarbeiter hat seine Zentrale an der Henrich-Focke-Straße am Bremer Flughafen.

Über die B 6, über Ottersberg und Oyten steuert die Treckerkolonne das Stadtgebiet an – und erreicht gegen 13 Uhr Osterholz. Von dort rollen die Traktoren weiter über die Osterholzer und die Sebaldsbrücker Heerstraße Richtung Osterdeich, dann hinein in die Innenstadt und über die Wilhelm-Kaisen-Brücke zum Flughafendamm. Die Polizei meldet bereits am Vormittag: „Wegen einer Demonstration mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen im Innenstadtbereich und des Flughafens muss mit erheblichen Beeinträchtigungen bis in den Abend gerechnet werden.“ Und so kommt es auch. Die Trecker mit ihren VER-, DH-, OHZ-, BRV- und ROW-Kennzeichen bremsen den Stadtverkehr aus. Es kommt stundenlang zu massiven Verkehrsbehinderungen.

500 Trecker bremsen Bremen:
„Wir wollen uns Gehör verschaffen“

Viele der autofahrenden Bremer und Buten-Bremer sind derweil „not amused“, zeitweilig durchaus maulig: „Die Bauern jammern immer“, ruft ein etwa 40 Jahre alter Mann aus dem Auto heraus. Staus erzeugen halt Stress. „Geht nicht anders“, sagen Landwirte an diesem stürmischen Novembertag. „Wir wollen uns jetzt mal Gehör verschaffen.“

Bereits Mitte Januar – in der Vor-Corona-Zeit – knatterten Bauern mit jeder Menge Traktoren aus allen Himmelsrichtungen in die Hansestadt. 4 000 Teilnehmer sorgten laut Polizei für ein „kontrolliertes Chaos“. Da hieß es unter anderem: „Das ist hier keine Kohlfahrt.“ Es war mehr eine Machtdemonstration als ein Familienausflug.

Über die Wilhelm-Kaisen-Brücke rollen Trecker in Richtung der Zentrale des Deutschen Milchkontors am Flughafen. Der laut Polizei 16 Kilometer lange Konvoi bremste einige Stunden lang den Verkehr in Bremen aus.

Auch am Donnerstag sorgt die Masse der Traktoren mit Fahr- und Hupgeräuschen für eine gewaltige Wucht. Und eben für Aufmerksamkeit. Den Landwirten geht es um die Preise und um die Wertschätzung. „Ohne auskömmliche Preise können wir nicht mehr gewährleisten, weiterhin in Deutschland Lebensmittel zu produzieren“, steht im Forderungskatalog, der dem DMK überreicht wird. Die Produkte bringen den Landwirten nicht mehr das, was sie brauchen. Ein Bauer aus Hepstedt sagt: „Der Erzeuger hat seine Kosten. Die kann er nicht einfach wegdrücken.“ Um die 30   Cent je Kilo konventionell erzeugter Milch bekommen die Landwirte nach eigenen Angaben derzeit, 45 Cent müssten es „bei realistischer Berechnung“ sein.

500 Trecker bremsen Bremen:
Niedrige Milchpreise

Milchviehhalterin Karen Haltermann aus Oberneuland sagt zu Radio Bremen: „Ich muss das Futter bezahlen, die Ernte, die Mitarbeiter, Strom, Energie, alles Mögliche. Und ich muss auch mein Kapital verzinsen und die eigene Arbeit bezahlen.“ Ein Beobachter der Demo auf der Kaisen-Brücke sagt, so weit es unter der grün-weißen Alltagsmaske zu verstehen ist: „Qualität darf auch was kosten.“ Und weiter: „Die Geschäfte sollten nur noch die Sachen aus der Region verkaufen. Dann steigt der Preis für die Milchbauern.“ Das passt zu den Plakaten an den Treckern: „Ist der Bauer ruiniert, wird Dein Essen importiert“, ist zu lesen. Oder: „Leidet Dein Kind Hungersnot, ist der letzte Bauer tot.“

Der Milchindustrie-Verband (MIV) hatte zu Wochenbeginn mit Blick auf die schwierige Marktlage betont, dass Demonstrationen nicht dazu beitrügen, das Problem zu lösen. Vielmehr müssten Molkereien und Landwirte gemeinsam darauf hinarbeiten, die Vermarktung und auch die Kommunikation für die Milch zu stärken. Eine plakative Forderung von „mindestens 15 Cent mehr pro Liter Milch“, was einem Plus von 40 Prozent beim Verkaufspreis im Supermarkt entspreche, helfe nicht. „Die Marktpreise der Rohmilch richten sich nach Angebot und Nachfrage, so der MIV.

Von Jörg Esser

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