Bremer Senat fordert Obduktionspflicht für Kinder

Bremen. Der Tod des kleinen Kevin in Bremen entsetzte 2006 die Deutschen. Dass der drogensüchtige Ziehvater den Zweijährigen misshandelte, war bekannt - dennoch schritten die Behörden nicht ein. Seitdem steht in dem Stadtstaat der Kinderschutz weit oben auf der politischen Agenda. Jetzt will Bremen als erstes Bundesland eine Obduktionspflicht für Kinder unter sechs Jahren einführen, die an einer ungeklärten Ursache starben.

Beim Kinderschutzbund, der katholischen Kirche und der FDP stößt das Vorhaben auf heftige Kritik. Der Senat will den Gesetzentwurf am Dienstag trotzdem beschließen. Die Gesundheitsbehörde hofft, damit die Aufklärungsquote bei Kindesmisshandlungen zu erhöhen und für mehr Abschreckung zu sorgen. Denn künftig müssen alle toten Kinder untersucht werden, die nicht krank waren oder sichtbare Verletzungen erlitten haben - also auch die, bei denen plötzlicher Kindstod auf dem Totenschein steht.

„Eine deutsche Studie aus dem Jahr 1999 hat gezeigt, dass auf eine entdeckte Kindstötung zwei unentdeckte kommen“, erläutert Abteilungsleiter Matthias Gruhl. Dass ein Kind mit einem Kissen erstickt wurde, können Ärzte ohne Obduktion oft gar nicht feststellen. Das unterstreiche auch eine Untersuchung aus Österreich aus 2008, nach der es sich in fünf bis sechs Prozent der Fälle von plötzlichem Kindstod in Wirklichkeit um Tötungen handele. 37 Kinder starben 2008 nach Angaben des Landesamts für Statistik in Bremen. Bei drei von ihnen handelte es sich um plötzlichen Kindstod, bei einem war die Todesursache unklar. In den vier Fällen hätte das neue Gesetz gegriffen. Das Leben der Kinder hätte das zwar nicht gerettet. Möglicherweise aber das der Geschwister, wenn sich bei der Obduktion herausgestellt hätte, dass Misshandlungen die Todesursache waren, sind die Befürworter überzeugt. „Wir haben ein Defizit beim Schutz der Geschwister gesehen“, erläuterte Gruhl.

Der Kinderschutzbund in Bremen sieht das Gesetz trotzdem nicht als Verbesserung und fordert mehr präventive Maßnahmen. „Die gesetzlichen Regelungen reichen aus. Bei Verdacht besteht sowieso schon die Möglichkeit einer Obduktion“, sagte der Geschäftsführer Andreas Bröcher. Die Pflicht dazu stelle alle Eltern unter Generalverdacht und sei eine zusätzliche Belastung für sie. „Es ist schon traumatisch genug, ein Kind zu verlieren.“ Das meint auch die FDP. „Man muss akzeptieren, wenn Eltern nicht wollen, dass der Leichnam ihres Kindes geöffnet wird“, sagte der Landesvorsitzende Oliver Möllenstädt.

Diese Bedenken teilt der Bremer Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte nicht. „Ich weiß, wie schwer Eltern daran tragen, wenn sie nicht wissen, weshalb ihre Kinder gestorben sind“, sagt der Vorsitzende Stefan Trapp. „Sie machen sich Selbstvorwürfe und werden aus dem Umfeld angeprangert.“ Das geplante Gesetz mache es für sie einfacher, weil sie sich nicht mehr entscheiden müssten, ob sie einer Obduktion zustimmen. Und die Ärzte ständen nicht mehr vor einem Dilemma, wenn sie die Familie des toten Kindes schon länger kennen würden.

Voraussichtlich Mitte März wird das Landesparlament über das neue Gesetz abstimmen. Eine Mehrheit gilt als sicher - neben den Regierungsparteien SPD und Grüne signalisierten auch CDU und Linke ihre Zustimmung. Eins ist aber jetzt schon klar: In zwei Jahren kommt die Obduktionspflicht erneut auf den Prüfstand. Dann will die Behörde untersuchen, ob sich nennenswerte Erfolge gezeigt haben.

dpa

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