31-Jähriger steht in Bremen vor Gericht

16 Stunden Angst

Justizangestellte und ein Mann, der sich sein Gesicht verdeckt.
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Vor Gericht: Der 31-jährige Angeklagte räumte zu Prozessbeginn „die wesentlichen“ Vorwürfe ein. So könnte das Verfahren, für das vier weitere Termine angesetzt sind, bereits Anfang Februar mit einem Urteil enden.

Ein 31-Jähriger steht seit Mittwoch vor dem Landgericht. Er soll im August 2020 seinen zweijährigen Sohn entführt haben.

  • Freundin verlässt gemeinsame Wohnung.
  • Wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei.
  • Horror endet nach vielen Stunden.

Bremen – Er liebt seinen Sohn, kann sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen – und dennoch entführte er den zweijährigen Jungen unter Androhung von Waffengewalt aus dem Haus seiner Schwiegereltern in Bremerhaven. Seit Mittwoch muss sich ein 31-jähriger Mann vor dem Bremer Landgericht unter anderem wegen Geiselnahme und schwerer räuberischer Erpressung verantworten.

Dass alles so weit gekommen sei, tue ihm heute „unendlich“ leid, räumte der Angeklagte unter Tränen ein.

Der 13. August 2020 beginnt so, wie die bisherige Beziehung zwischen ihm und seiner 28 Jahre alten Freundin gut drei Jahre zuvor begonnen hatte – mit „gewissen Grundspannungen“. Er, notorisch eifersüchtig, mit einem langjährigen Alkoholproblem, vorbestraft und mit einem Hang zur Gewalt, gerät in einen Konflikt mit seiner Partnerin. Er dichtet ihr Untreue an, wofür sie ihm jedoch nie einen Grund gegeben hätte. Er droht ihr, komme sie nach Hause, dann würde es „nicht gut für sie enden“. Die Frau packt ihre Sachen, nimmt den damals zweijährigen gemeinsamen Sohn mit und fährt zu ihren Eltern.

Dort werden sich Stunden später Dinge ereignen, die die Familie bis heute schwer traumatisiert haben – und den Angeklagten wohl für mindestens fünf Jahre hinter Gitter bringen werden.

Mindestens fünf Jahre Haft

Angetrunken fährt der Angeklagte eigenen Angaben zufolge kurz nach 22  Uhr zum Haus seiner Schwiegereltern, verschafft sich mit einem Messer und einer Schreckschusspistole bewaffnet Zugang. Der Vater seiner Ex-Freundin stellt sich dem Angeklagten noch in den Weg, fordert ihn auf, zu verschwinden.

Doch da zückt der 31-Jährige ein Käsemesser und drängt die Familie dazu, ihre Handys abzugeben und sich aufs Sofa zu setzen. Der Schwester seiner Ex-Freundin, die noch versucht, die Polizei zu alarmieren, hält er laut Anklage die Waffe an den Kopf. Auch sie muss ihr Handy abgeben. Der Mann widerspricht diesem Anklagepunkt, „im wesentlichen“ seien die Vorwürfe jedoch zutreffend.

Eingeschüchtert übergibt die Familie dem Mann den Schlüssel für ein Auto sowie Bargeld, seine Ex-Freundin packt unterdessen eine Tasche für den gemeinsamen Sohn, so fordert es der Angeklagte von ihr. Dann fährt der Mann davon. Einen Führerschein besitzt er nicht. Während die 28-Jährige Angst um das Leben ihres Sohn hat – ihr Ex-Partner hatte gedroht, wenn sie die Polizei benachrichtige, werde er sich und dem Jungen in den Kopf schießen oder mit „180 Sachen gegen eine Mauer rasen“ – legt sich der Angeklagte schlafen, nachdem er bei einer Bekannten ankommt. Der Horror wird erst viele Stunden später enden.

Perfide Methoden

Nach eigener Aussage hat der Angeklagte den Jungen zurück zur Mutter bringen wollen, doch da sind die Beamten samt Mobilem Einsatzkommando (MEK) bereits informiert und nehmen die Verfolgung auf. Das realisiert auch der 31-Jährige und rast zum Teil mit 200 Kilometern pro Stunde über Landstraßen davon. Mehrere Versuche, den Mann zur Aufgabe zu bewegen oder zumindest den Jungen freizulassen, scheitern. Je auswegloser die Situation für den Mann wird, desto perfidere Methoden wendet er an. So fordert er seine Ex-Freundin auf, die Beamten zu kontaktieren und diese davon zu überzeugen, die Verfolgung abzubrechen – dabei soll sie sich filmen und ihm ein Video zuschicken. Die Frau kommt der Forderung nach.

Rund 16 Stunden, nachdem das Grauen begann, übergibt der Angeklagte den Jungen wohlbehalten seiner Ex-Freundin – und flüchtet erneut. Scheinbar seelenruhig fährt er zu einem Supermarkt in Bremerhaven, kauft dort ein und wird wenig später vom MEK verhaftet. Zuvor versprüht er Pfefferspray, verletzt fünf Beamte leicht.

Noch wenige Wochen nach der Tat soll der Sohn häufiger nach seinem Vater gefragt haben, sagt die 28-Jährige. „Mittlerweile fragt er nicht mehr nach seinem Papa.“ Da sinkt der Mann auf der Anklagebank sichtlich zusammen. Es scheint, als habe er erst jetzt die ganze Tragweite seines Handels begriffen.

Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

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